Fiktive Polizeigeschichte: Der einzige Zeuge

20. Dezember 2019 um 19:11

Fiktive Polizeigeschichte: Der einzige ZeugeDie Tür des Gerichtssaals öffnet sich.
“Herr Swoboda”, sagt eine weiblich klingende Stimme, “Kommen Sie bitte rein.” Ich schlucke noch einmal hörbar, stehe dann auf und durchschreite die hölzernen Türen des höchst hoheitlichen Saales.

Die Augen der Besucher des für die Öffentlichkeit zugängliche Gerichtsverhandlung sind auf mich gerichtet. Die Schweißperlen rinnen meine Haut herunter und fangen an, ein Bild der Situation auf dem hellblauen Hemd meiner Uniform abzuzeichnen.

Dies ist mein erster Gerichtstermin als Polizist. Es geht um ein Delikt, das nur ich bei der Ausführung beobachtet habe.

Langsam durchschreite ich den Mittelgang und nehme an einem Tischchen vor der Richterin Platz.

“Herr Swoboda.” Ein dicklicher Herr in schwarzer Robe lugt vorwurfsvoll von meinen Tresen auf mich herunter. “Sie werden angehalten, hier vor Gericht die Wahrheit zu sagen, da Sie sich sonst wegen Meineids strafbar machen würden. Haben Sie das verstanden?”

Mein hellblaues Hemd ist inzwischen in ein dunkles Blau gefärbt.

“Ja”, sage ich, “ich habe verstanden.”

“Herr Swoboda”, schaltet sich nun die Staatsanwaltschaft mit ein, “erzählen Sie doch mal, was Ihrer Meinung nach passiert ist.”

Also erzähle ich.

Dass ich und ein Kollege gerade Streife gefahren sind, an welchem Datum und um welche Uhrzeit ich die Sachbeschädigung beobachtet habe und warum mein Kollege die Tat nicht beobachtet hat.

“Herr Swoboda”, meldet sich der Strafverteidiger zu Wort, nachdem ich mit meinen Erklärungen zu enden bin, “können Sie noch einmal erklären, wie spät es war, als Sie gesehen haben wollen, wie mein Mandant den Schriftzug an die Wand gesprayt haben soll?”

“Ja”, sage ich, “es war 19:32 Uhr bzw. 19:33 Uhr.”

“Aha”, der Verteidiger kritzelt wie ein Besessener auf seinen Notizen herum, ohne mich jedoch aus den Augen zu verlieren.

“Haben Sie in ihrer Erklärung vorhin nicht gesagt, dass es, und ich zitiere Sie ‘ganz sicher’ 19:32 Uhr gewesen sei?”

“Ja”, sage ich. “Dann ist die Uhr aber auf 33 umgesprungen. Dass müsste aber auch auf den Kameraufzeichnungen der BVG zu sehen…”

“Sie wissen die Uhrzeit also nicht zu einhundert Prozent genau?”

“Ausreichend genau”, erwidere ich.

“Sie sind also Richter und wissen, was ‘ausreichend genau’ ist?”

“Nein”, antworte ich, “ich glaube nicht.”

“Sie wissen also nicht genau, ob sie Jura studiert haben?”
“Doch.”
“Doch was?”
“‘Doch, habe ich nicht.”

“AHA.” Der Verteidiger lehnt sich zurück. “Ich habe keine weiteren Fragen mehr, euer Ehren.”

“Will noch jemand den Zeugen einer Befragung unterziehen?” Der Richter guckt durch die Bänke der Staatsanwälte und Strafverteidiger. “Niemand?”

“Ich hätte da doch noch ein, zwei Fragen.”
Der Verteidiger lehnt sich wieder nach vorne.

“Als Sie um 19:33 Uhr…”
“…19:32 Uhr”, unterbreche ich den Anwalt.

“Gegen 19:32/33 Uhr meinen Mandanten bei der Tat beobachtet haben wollen…. In welcher Hand hatte er das vermeintliche Tatmittel?”
“Die Spraydose, meinen Sie?”
“Genau.”
“In der Rechten”, sage ich.
“AHA!” Der Anwalt schreibt und beobachtet mich.

“Und in der Linken!”
“Hochinteressant. Wie kann man sich das denn vorstellen?”

“Er hat mit der rechten Hand gesprayt, als ich den Beschuldigten erblickt habe. Als wir ihn zur Rede gestellt haben, hatte er die Dose dann in der linken Hand.”

“Sind Sie sich sicher?”
“Ja”, sage ich. “Zu 99,99 Prozent.”
“Also nicht zu 100 Prozent?! Das ist ja hoch interessanter.”

Der Rechtsanwalt kritzelt, die Zuschauer gucken gespannt auf das Geschehen.

“Und jetzt noch eine Frage: Herr Swoboda, warum haben nur Sie meinen Mandanten gesehen und nicht ihr Partner?”
“Er ist gefahren und musste sich auf den Verkehr konzentrieren.”
“Ok, das klingt für mich zwar wie eine schlechte Ausrede“, er lässt seine Blicke durch die Zuschauer gleiten, dann über die Staatsanwaltschaft bis hin zur Richterin. “Ich habe keine Fragen mehr, euer Ehren.”

“Da nun niemand mehr Fragen an den Zeugen hat, werden wir jetzt in die Pause gehen. In 30 Minuten erfolgt dann die Urteilsverkündung.”

Die Pause ging schnell vorüber.

Der Beschuldigte wurde Freigesprochen und das Verfahren gegen ihn eingestellt.

Der Grund: “Die Zeugenaussagen widersprechen sich zu sehr, sodass die Wahrheitsfindung nicht möglich erschien.”

Ich war der einzige Zeuge.

©️ Mathieu Swoboda