Auf ein Wort: Keine neuen Informationen, aber reißerische Schlagzeile für die Reichweite

24. Januar 2020 um 20:30

Auf ein Wort: Keine neuen Informationen, aber reißerische Schlagzeile für die Reichweite

Liebe Leserinnen und Leser,

ich möchte meine Gefühle und Gedanken zu einem Zeitungsartikel loswerden, den ich vor einigen Tagen irgendwo in der großen weiten Welt des World Wide Webs entdeckt habe. Durch Zufall wurde mir die Schlagzeile angezeigt.

Die Überschrift lautet Polizeianwärter in Gelsenkirchen tötet Mann mit 4 Schüssen: Verdacht auf Totschlag. Als Polizistin bin ich von solch einer Nachricht natürlich schockiert. Man müsste meinen ich sei von der Engstirnigkeit und Schlagzeilengeilheit der Presse weniger schockiert, da wir es ja inzwischen gewohnt sein müssten. Aber doch, ich war schockiert. Sehr schockiert.

Bereits im ersten Absatz wurde mir dann wieder klar, dass es kein „neuer“ Fall in dem Sinne war, sondern nur eine Aufarbeitung eines Ereignisses, dass vor Kurzem stattgefunden hatte. Ich vermag den „Einsatz“ gar nicht zusammenzufassen, da ich nicht weiß was passiert ist und es auch nicht meine Aufgabe ist, das zu beurteilen.

Was ich aber beurteilen kann ist die Unmenschlichkeit, die manch ein Presseheino wohl haben muss, um sich so etwas Unüberlegtes zu erlauben. Wobei… so ganz unüberlegt scheint es nicht gewesen zu sein, immerhin sorgte es bestimmt für einige Klicks auf die Website.

Wieso ich mich über solch eine „Schlagzeile“ so aufrege?

Weil es GANZ NORMAL ist, dass nach einem Schusswaffengebrauch die Mordkommission übernimmt. Es ist GANZ NORMAL, dass erst einmal ein Totschlag im Raum steht. Was auch völlig in Ordnung ist, da ja schließlich ein Mensch sein Leben lassen musste.

Was mich daran stört ist auch, dass scheinbar in keinster Weise darüber nachgedacht wurde, was der besagte Polizeianwärter alles durchmachen muss. Denken die Menschen bei der Presse nicht eine Sekunde darüber nach, dass der Anwärter möglicherweise gerade schon genug Stress hat? Meinen die, es fällt einem leicht, einen Menschen zu erschießen?

Ich will mir gar nicht vorstellen, welche Höllenqualen dieser junge Mann gerade durchmacht. Zumal wir alle wissen, dass man als Anwärter nicht gerade den sichersten Beamtenstatus hat und vermutlich auch nicht ganz so viel Betreuung erhält, wie ein Beamter auf Lebenszeit.

Aber lassen wir den Beamtenstatus mal dahingestellt. Es geht um das Menschliche. Menschlichkeit. Immer wird Polizeibeamtinnen und –beamten vorgeworfen, sie würden skrupellos arbeiten. Hat mal irgendwer auf die Presse geschaut und beurteilt, wie skrupellos und ohne Rücksicht auf Verluste da Sachen veröffentlicht werden? Das ist keine Arbeitsweise die ich unterstützen kann.

Der Laie, der Leser da draußen, denkt nun, dass der Anwärter unrechtmäßig gehandelt hat. Mit Sicherheit lässt das einen Polizeifeind wieder aufatmen – „Wie immer habe ich Recht, immer die Drecks B*****!“. Ganz toll.

Dabei ist es ein völlig normales Prozedere, dass eben nach einem Schusswaffengebrauch abgearbeitet wird. Aber nein, die Presse stellt es anders dar. Und der junge Mann darf unter all dem Druck dann auch noch solch eine Schlagzeile lesen und sich psychisch noch mehr kaputt machen lassen, als es momentan vermutlich eh schon der Fall ist.

So… genug ausgelassen. Ich wünsche dem Polizeianwärter nur das Beste, eine faire und schnelle Prüfung seines Handelns und dass er psychisch mit einem Schock davonkommt.

Danke an dieser Stelle an die Presse, für nichts.

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Die Autorin ist Mitglied in unserem Team.