Fiktive Polizeigeschichte: Sind sie da draußen um eine Katze zu retten?

6. März 2020 um 19:49

Fiktive Polizeigeschichte: Sind sie da draußen um eine Katze zu retten?“ICH LASSE SIE NICHT LOS, WENN SIE NICHT LOSLASSEN!!!”

Ich denke kurz darüber nach, was ich gesagt habe und komme zum Entschluss, dass es nicht die beste Wortwahl war, wenn man bedenkt, dass er springen wollte.
Mist.

Meine Schweißperlen rinnen meinen Arm hinunter. Ich hänge gebeugt über der Fensterbank des offenen Fensters. Ein Mann mit braunen kurzen Haaren, gepflegt aussehendem Bart und einem gut sitzendem, schwarzen Anzug guckt provokant lächelnd an meinem Arm hängend zu mir hoch.
Er steht an einem schmalen Vorsprung eines Mehrfamilienhauses, der sich knapp 2 Meter unterhalb des Fensters, aber immer noch im 4. Stockwerk, befindet.

“Heißt das, dass sie loslassen würden, wenn ich loslasse?”

Seine Hand, die sich fest an meinem Arm umklammert befand, lockert sich ein wenig. Mist. Noch mehr Panik, als ich bisher verspürt habe, macht sich in mir breit. Ich bin gerade aus der Ausbildung raus und das erste, was ich machen muss, ist es, einen Lebensmüden zu retten.

Nach 20 Sekunden rufe ich schlagfertig: “LASSEN SIE NICHT LOS, ICH LASSE AUCH NICHT LOS.”

Zufrieden damit huscht mir ein Lächeln auf mein Gesicht. Irgendwie erinnert mich die Situation an die Szene im Film “Catwoman”, wo der mutige Polizist die scheinbar lebensmüde Frau rettet, die eigentlich nur einer Katze helfen will.

“SIND SIE DA DRAUßEN UM EINE KATZE ZU RETTEN?”

Ich blicke in ein kopfschüttelndes Gesicht, was sich vermutlich fragt, was mit dem Gegenüber denn nicht stimmt.
Langsam wird es anstrengend. Ich bin nicht in der körperlichen Verfassung jemanden hochzuziehen der bestimmt 80 kg wiegt. Obwohl ich es als Polizist vielleicht sein sollte.

Vielleicht sollte ich meinen zweiten Arm auch noch benutzen – um ihn zu halten oder zu versuchen ihn hochzuziehen. Aber damit halte ich mich am Fensterrahmen fest. Es wäre ja ironisch, wenn ich jetzt auch noch aus dem Fenster fallen würde.

Und wo bleibt denn bloß mein Kollege, mit dem ich vor dem Haus eingetroffen bin? Wir sind doch gleichzeitig aus dem Funkwagen gestiegen und durch den Haupteingang des Mehrfamilienhauses gelaufen. Und wo bleibt die Feuerwehr?
Angestrengt werfe ich einen Blick auf die offene Wohnungstür.

“Haben Sie was gesagt?”, fragt Leon.

Mit leicht verkrampftem Gesichtsausdruck gucke ich hinunter. Die Menschenmasse auf der Straße wird immer dichter. Ein Mann scheint so etwas schon häufig genug gesehen zu haben. Er dreht sich um und entfernt sich von den anderen Schaulustigen.

“ICH HABE GEFRAGT, WIE SIE HEIßEN?!”, rufe ich.
“Ich heiße Leon”, erzählt er mir mit ruhiger Stimme.
“BLEIBEN SIE GANZ RUHIG, LEON! BLEIBEN SIE GANZ RUHIG!”, rufe ich ihm nun panisch zu. “GLEICH HOLEN WIR SIE WIEDER REIN!”

Leon guckt schelmisch grinsend zu mir hoch.
“Und was ist, wenn ich nicht hoch will?”
Erneut macht sich Panik in mir breit.
Habe ich das im Unterricht etwa verpasst? Was mach ich denn dann?
“Wie heißen Sie denn?”, fragt er mit der gleichen ruhigen Stimme, die sich für jemanden, der das Leben satt hat, nicht gehört.

“MEIN NAME IST SWOBODA!”, rufe ich ihm zu.
“Ok, Herr Swoboda. Swob.”
Leon fährt mit der freien, flachen Hand durch die Luft, “Swobinator…“
Er macht eine kurze Pause.
“BLEIBEN SIE GANZ RUHIG! BLEIBEN SIE GANZ RUHIG! SIE SIND SCHLIEßLICH POLIZIST! DANN VERHALTEN SIE SICH AUCH SO.”

“BLEIBEN SIE GANZ RUHIG – GLEICH HOLEN WIR SIE WIEDER REIN!”

Die Menschenmasse auf der Fahrbahn wird immer dichter. Sie ähnelt auf makaberen Weise inzwischen schon fast einer Veranstaltung.

Ein paar Grillwalker laufen durch die eng an eng stehende Menschenmassen, werben mit lauten Rufen für köstliche Bratwürstchen mit Weißbrot zu einem günstigen Preis. Mobile Bierverkäufer, die ich sonst nur vom Olympiastadion kenne, quetschen sich mit ihren schmalen Bierfässern auf ihren Rücken durch die Leute und Popkornverkäufer bieten den Leuten, die auf ihren mitgebrachten Campingstühlen sitzen, frisches und hausgemachtes, karamellisiertes Popcorn an.

“Swob.” Eine vollschlanke, uniformierte Person betritt schnell atmend den Raum. “Da bist du ja! Kann ja net jeder so schnell die Treppen hoch laufen wie du!”

Ich wende meinen Kopf zu meinem Kollegen um.
“WAS HAT…”
Ich korrigiere meine Lautstärke.
“Was hat da denn so lange gedauert?”.
“Ike habe noch nach nem Fahrstuhl jesucht. Wusstest du, dass es hier kenen Fahrstuhl jibt?”
“Sonst hätte ich ja nicht die Treppen genommen.”
“Musst ja net gleich so ausfallend werden.”

“Soll ick dir helfen?”
“Ne“, sage ich, “wir machen uns hier zu zweit einen schönen Tag, der Pizzalieferant kommt auch gleich.“
“Hat jemand Pizza gesagt?“, fragt Leon von draußen.
“Ich hätte gerne eine Pizza Hawaii. Mit extra Schinken.“

Mein Kollege macht ein paar Schritte auf das Fenster zu und guckt heraus.
“Wie jet is Ihnen?”
“Ach die Sonne scheint und wir machen uns zu zweit einen schönen Tag. Und wenn ich ihnen einen Tipp geben darf: Verzichten Sie auf die Pizza.”
Ich stoße einen leisen Lacher aus.
“Ach, ehn Witzbold! Die haben wir immer jerne.”

Ich gehe ein paar Schritte zur Seite ohne Leons Arm loszulassen.
“Können sie mir Ihren Arm reichen?”, fragt mein Kollege und hält seine Hand herunter in seine Richtung. Ohne Widerspruch hebt Leon seinen Arm und greift nach dem meines Kollegen.

“Bei drei ziehen wir ihn hoch.”
Ich nicke meinem Passmann zustimmend zu.
“Eins … Zwei …“
Plötzlich beginnt er zu ziehen.
Überrascht davon, dass mein Kollege anscheinend nicht zählen kann, versuche ich Leons Arm auf meiner Seite ebenso hochzuziehen.
Uh, das sah schmerzhaft aus.

Leon schnellt in die Luft und landet wie ein Fisch an Land mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden der Wohnung.

“Geht es ihnen gut, Leon?”
“So gut es jemandem gehen kann, der gerade dem Tod ins Auge geblickt hat. Aber nach der Pizza wird wieder alles gegessen sein.”
Erleichtert atme ich einmal tief durch.

“Und was machen wir jetzt mit ihm”, frage ich meinen Kollegen.
“Ike würde vorschlagen, dass wir ihn erst in nach dem PsyKG einem Arzt vorstellen. Dort soll sich ihn mal einer ankieken.”
Ich nicke zustimmend.

Wir begleiten Leon die Treppe herunter zum Funkwagen. Ich vorweg und mein Kollege hinter ihm. Fast im ersten Stockwerk angekommen, drehe ich mich halb zu Leon um.

“Sagen sie mal, sie wollten nicht wirklich aus dem vierten Stock springen, oder?”
Er guckt in meine Richtung.
Mit einem kurzen “Ne.” versucht er meine Frage zu beantworten.
“Aber warum haben sie sich dann in so eine Gefahr begeben? Es hätte sonst etwas passieren können.”
Leon fängt an zu grinsen.
“Ich wollte eine Katze retten.”

Zusammen verlassen wir die Haustür.

Die ersten Besucher zücken ihre Smarphones und nehmen das Event mit einem Kopfschütteln auf. Einige zünden ihre Fackeln an und holen ihre Mistgabeln heraus. Andere basteln Papierflieger mit ihrer Nummer drauf und lassen sie sanft in Leons Richtung fliegen.

Wir setzen Leon in den Funkwagen hinter den Beifahrersitz und ich nehme hinter dem Fahrersitz platz. Wir schnallen Leon gemeinsam an, indem mein Kollege mir den Gurt gibt und ich ihn im Gurtschloss einrasten lasse.

Dann entfernt er sich ein paar Schritte von uns.
“Wo gehst du hin?“, frage ich.
“Das ständige gerede von Essen und Pizza…“, erklärt mein Kollege, “Ik kof’ mir noch eben ene köstliche Bratwurst mit Weißbrot zu einem günstigen Preis.”

©️ Mathieu Swoboda