Gedanken eines Polizisten: Wir leben in interessanten Zeiten

19. März 2020 um 20:21

Gedanken eines Polizisten: Wir leben in interessanten Zeiten

‘Mögest du in interessanten Zeiten leben’
(Chinesisches Sprichwort/angeblich ein Fluch)

Zugegeben, wir leben in interessanten Zeiten. Wir leben in Europa seit 1945 im Frieden. Es gibt zwar Zank unter den Staaten aber keine Toten wegen staatlicher Meinungsverschiedenheiten.

Was wir nun erleben, übertrifft aber alles bislang Dagewesene. Ich stimme da unserer Bundeskanzlerin grundsätzlich zu: Wir haben im Augenblick und in den nächsten Monaten die schwersten Zeiten vor uns, seit dem zweiten Weltkrieg. Es geht dabei um unser Zusammenleben UND unsere Freiheiten, die wir seitdem genießen durften.

Wir dürfen gehen, wohin wir wollen. Wir dürfen (fast) alles tun, was wir wollen. Nun steht uns ein unsichtbarer und mitunter tödlicher Feind entgegen. Wir können ihn nicht direkt bekämpfen. Die Medizin muss erst den richtigen Weg finden. Aber dennoch kann dieser Feind UNS töten. Vor allem bestimmte Teile unserer Bevölkerung: Die Alten und ‘Schwachen’ (gemeint sind die Personen mit Vorerkrankungen und Kinder).

Um diese zu schützen, müssen wir nun unsere hart erkämpften Freiheiten zumindest zeitweise aufgeben. Wir können eben NICHT mehr dahin gehen, wohin wir wollen. Wir können NICHT mehr tun, was wir wollen.

Und genau da liegt unser Problem: Wir sind das nicht gewohnt.

Alte Gewohnheiten kann man schwer ablegen. Und noch schlimmer, in der Zeit des gelebten Egoismus: Man muss dies tun, um ANDERE zu schützen.

Ich habe Nachrichten gesehen und musste selbst das Haus verlassen. Daher habe ich bemerkt, dass die Gewohnheit, seine Freiheit auszuleben immer noch mehr wiegt, als die Rücksicht auf andere (und auch auf sich selbst). Viele Leute gehen noch raus und treffen sich.

Es werden Partys gefeiert, junge Leute treffen sich, in der Warteschlange steht man immer noch dicht an dicht, es wird ‘gehamstert’. Ich kann verstehen, dass es schwer ist, zu Hause zu bleiben und als Mensch, welcher grundsätzlich ein soziales Wesen ist, keinen Kontakt mit anderen von Angesicht zu Angesicht zu pflegen. Man muss seine Eltern als junger Mensch allein lassen, soll sie eben NICHT besuchen.

Dann noch das schöne Wetter nach dem ekligen Winter mit Regen und Nebel. Und dann braucht man doch noch ne Menge Klopapier und Nudeln, um das alles zu überstehen. Das genug da sein wird, vergessen wir.

Dennoch müssen wir lernen, dass es eben NICHT um unsere Person selbst geht. Um diese Krise zu überstehen, müssen wir auf lieb gewonnene Dinge verzichten. Das ist wahnsinnig schwer. Auch ich ertappe mich dabei, dass ich innerlich dagegen ankämpfe.

ABER:

Es wird wahrscheinlich noch mehr in unsere Freiheit eingegriffen werden müssen. Da sich der Großteil der Menschen eben nicht an den Rat der Wissenschaftler halten will, zu Hause zu bleiben, wird es über kurz oder lang zu der in Deutschland schlimmsten Einschränkung kommen, die wir in der Nachkriegszeit bislang erleben werden: Wir bekommen Hausarrest, Ausgehverbot, der sogenannte ‘Lock-Down’.

Wir alle haben die leeren Straßen in Italien, Spanien oder China gesehen. Eine Millionenstadt als Geisterstadt. Die Polizei bestreift die Gegend, kontrolliert jeden, der sich aus seinen eigenen vier Wänden wagt (wagen muss). Man muss sich rechtfertigen, warum man zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen muss.

Ich befürchte, da wird die Polizei dann ganz schnell der Feind, obwohl auch die das nicht wollen. Sie MÜSSEN es jedoch. Auch diese Polizisten haben Familie und auch Angst um ihre Gesundheit. Aber es ist nunmal die Pflicht.

Daher hoffe ich, dass, wenn es in Deutschland soweit sein sollte, meine Kolleginnen und Kollegen eben nicht ‘der Feind’ werden. Es wird eine Zeit sein, welche wir in vielen Jahren hoffentlich nur noch als ‘interessante Zeit(en)’ bezeichnen werden, die wir mit vielen Toten bezahlen mussten, aber doch hoffentlich dennoch überstehen werden.

Ich hoffe, das wir das alles überstehen werden und anschließend gesund und gesellschaftlich gestärkt aus diesen Zeiten hervorgehen werden. Einige Szenen aus dem Fernsehen, dem Radio und den sozialen Netzen sind mir auf jeden Fall jetzt schon im Gedächtnis eingebrannt:

Das Gemeinschaftsgefühl auf den Balkonen, das gemeinsame Musizieren und Singen von wildfremden Menschen, die vielen Hilfsangebote und die aufopferungsvolle Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegediensten.

Lasst uns bitte so weiter machen, damit das Sprichwort in der Überschrift eben NICHT einen Fluch darstellt!

Gerrit”

Die Verlinkungen erfolgten durch uns, damit der Zusammenhang auch später noch nachvollziehbar ist.