Gedanken eines Polizisten zur Coronakrise: Von Ängsten, die vor der Uniform nicht Halt machen und dem unbedingten Willen gerade jetzt für die Menschen da zu sein

22. März 2020 um 19:32 Uhr

Gedanken eines Polizisten zur Coronakrise: Von Ängsten, die vor der Uniform nicht Halt machen und dem unbedingten Willen gerade jetzt für die Menschen da zu sein

“Es ist ein merkwürdiges Gefühl im Moment. Sobald man das Radio morgens einschaltet, oder das Haus verlässt, ruft man sich wieder ins Gedächtnis, dass gerade nichts normal ist. Nicht so normal, wie es noch vor zwei Wochen war.

Da gibt es diese Krankheit, die um sich greift. Eine, die nicht pauschal lebensgefährlich ist, aber dennoch bei zu schneller Ausbreitung für viele Menschen eine Gefahr darstellt. Das öffentliche Leben hier steht nahezu still oder es wird in den nächsten Tagen größtenteils still stehen.

Menschen haben Angst, zeigen sich von ihrer schlechtesten Seite und prügeln sich in den Supermärkten um Klopapier. Ignorieren aus purem Egoismus alle Anweisungen, zu Hause zu bleiben. Und mittendrin ich als Polizeibeamter.

Auch mich beunruhigt dieses Thema. Auch ich habe Kinder, habe Freunde und Verwandte die möglicherweise auch zu den Risikogruppen gehören. Und auch ich erwische mich dabei, dass ich ab und an ein flaues Gefühl im Magen habe, angesichts der Meldungen aus den Nachbarländern. Aber gleichzeitig komme ich auch immer an den Punkt, dass ich genau für solche Zeiten Polizist geworden bin. Da sein, wenn es gerade schwierig wird.

Ich erinnere mich noch an die Tage nach den Terroranschlägen in New York. Es war eine seltsame Stimmung, auch wenn alles weit weg war, so war es doch seltsam, durch die Stadt zu gehen mit den Gedanken an diesen Anschlag und die Folgen im Hinterkopf. Trotzdem weiß ich noch wie heute, wie mich jeder Streifenwagen damals irgendwie gefreut hat. Zu sehen, es gibt Menschen die auch in schwierigen Zeiten anrücken und ihren Dienst verrichten. Vielleicht waren es auch diese Tage, die mich dazu gebracht haben, diesen Berufsweg einzuschlagen, obwohl ich damals in einer anderen Branche unterwegs war. Und ich habe es bis heute nicht bereut.

Nun haben wir diese Zeit und ich weiß auch, dass es ohne ein funktionierendes System nicht gehen wird. Weiß auch, dass viele Menschen sich nach wie vor daneben benehmen, Straftaten begehen und dafür sorgen, dass es anderen schlechter geht oder sie sich unsicher fühlen. Genau dafür arbeiten meine Kollegen und ich gern, teilweise schon in zwölf Stunden Schichten.

Man merkt wie ruhig es auf Funk ist, viele Leute scheinen sich tatsächlich daran zu halten, möglichst wenig unterwegs zu sein. Es tut gut, etwas tun zu können. Teil von denen zu sein, die hier dafür sorgen, dass es weiter geht. Trotz allen Ängsten, die auch teilweise vor unserer Uniform keinen Halt machen.

Neben uns gibt es so viele, die gerade in diesen Tagen undenkbar wichtig sind und denen wir ein großes DANKE schulden, wenn sich hier alles wieder entspannt. Ärzte, Krankenschwestern, alle Pflegeberufe, die mit Klienten und Patienten zu tun haben. Die teilweise noch die Ängste ihrer Schützlinge zusätzlich zu ihren eigenen mit auffangen müssen. Die aufgrund mangelnder Möglichkeiten auch kein großes Programm zur Ablenkung fahren können.

Die Mitarbeiter im Einzelhandel, die dafür sorgen, dass die Regale wieder aufgefüllt werden, die andere rücksichtslos auseinanderpflücken. Die Mitarbeiter in Rettungsdienst und Feuerwehr, die rund um die Uhr da sind um bei kleinen und großen Problemen zu helfen. Eine Abschließende Aufzählung ist in diesen Tagen nicht wirklich möglich.

Aber allen hier ein großes Dankeschön!

Für mich wird es leichter zur Arbeit zu gehen, wenn ich weiß, dass meine Lieben versorgt und abgesichert sind.

Liebes Supermarktpersonal,

ich weiß ihr habt mit den Kunden im Moment teilweise Eure liebe Not. Scheut Euch nicht, die Polizei zu rufen, wenn Ihr Euch rücksichtslosen oder aggressiven Kunden gegenüberseht. Ihr müsst Euch für Eure Arbeit nicht auch noch beleidigen oder bepöbeln lassen. Und schon gar nicht kann es sein, dass es in Euren Läden Prügeleien um Klopapier gibt. Nutzt Euer Hausrecht, bittet die Leute, die meinen sie wären allein auf der Welt, zu gehen. Wenn es alles nichts hilft kommen wir gern dazu und unterstützen Euch!

Und auch Ihr, die Ihr meint, Kiloweise Nudeln horten zu müssen, sodass andere abends vor leeren Regalen stehen:

Uns ist allen ein wenig unwohl, aber das darf nicht dazu führen, dass man im Supermarkt gegenüber Mitarbeitern und Kunden ausfällig wird. Wer das nicht versteht, dem helfen wir gern nochmal in Sachen Benehmen nach und der geht nach Platzverweis ohne Einkauf aus dem Laden. Dazu haben wir genügend rechtliches Handwerkszeug zur Gefahrenabwehr oder Strafverfolgung.

Wir alle müssen zusammenhalten und zumindest gedanklich zusammenrücken.

Und das muss jetzt über das bierschwangere Geknuddel zu einer Fußball-WM hinausgehen. Und wenn das heißt, dass wir alle unsere sozialen Kontakte herunterfahren müssen, nicht mehr in Gruppen zusammenstehen oder in die Eisdiele gehen, dann ist das so. Ich würde mit meinem Sohn gerne auch auf den Spielplatz. Aber im Moment fordere ich Eltern mit Kindern auf, diese Örtlichkeiten zu verlassen.

Wir wollen alle noch ein bisschen leben.

Empörte Anfang zwanzig Jährige und selbstgefällige Mittvierziger sagen derartige Sätze gerade in Kameras, trotzen jeglicher Vernunft und ignorieren alle aufgestellten Regeln. Ja, wir alle wollen noch ein bisschen leben. Auch die, die eine Infektion mit dem Virus nicht so einfach wegstecken wollen das.

Und deswegen kontrollieren ich und andere Kollegen Spielplätze, Läden die geschlossen werden müssen und andere Einrichtungen. Zur Not setzen wir auch eine Ausgangssperre durch, die uns hoffentlich erspart bleibt. Wir sind da, wir helfen wo wir können.

Das heißt aber auch, dass der Gartenlaubeneinbruchdiebstahl oder das nicht zugelassene Fahrzeug im öffentlichen Verkehrsraum vielleicht auch mal warten muss. Je besser jetzt alle mitmachen, Rücksicht nehmen und sich gegenseitig helfen, desto eher werden das wieder vermeintlich wichtige Angelegenheiten. Das soll nicht den Eindruck erwecken, dass hier plötzlich jeder machen kann, was er will.

Wir kümmern uns auch um die Kleinigkeiten des Alltags. Und weiterhin hänge ich Zettel an Fahrzeuge, die rücksichtslos auf Gehwege geparkt werden oder die Behindertenparkplätze blockieren. Vielleicht gibt es Menschen die meinen, wir sollten uns jetzt um andere Dinge kümmern. Aber in erster Linie kümmern wir uns darum, dass alles normal weiter geht und niemand das Gefühl hat, dass Recht und Ordnung außer Kraft sind.

Ich drücke allen hier lesenden Kollegen und Nichtkollegen die Daumen und wünsche uns, dass wir gesund bleiben! Passt auf einander auf und bleibt zuhause wo es geht.

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Der Kollege ist uns persönlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.