Gedanken eines Polizisten zur Flüchtlingskrise: Dienstpflicht an der Grenze

5. März 2020 um 19:21

Gedanken eines Polizisten zur Flüchtlingskrise: Dienstpflicht an der Grenze

“Wenn man gar nicht so viel essen kann, wie man kotzen möchte. Da sitzt man erkältet, aber super medizinisch versorgt, satt und warm zuhause und sieht, wie an der europäischen Außengrenze Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Und schon wieder sind es Menschen wie ich, Menschen in Uniform, die vor einen Karren gespannt werden. Ein Karren, der Politiker trägt, die sich mal wieder aufführen wie bockige Kinder. Das Resultat bis gestern: Dutzende Menschen verletzt, möglicherweise ein Geflüchteter tödlich verletzt, ein Kleinkind bestätigt ertrunken…

Weil Geflüchtete wie Schachfiguren geopfert werden. Weil man Polizisten wie Prellböcke zwingt, gegen Männer, Frauen und Kinder vorzugehen. Ich höre Frau Merkel, die verurteilt dass Herr Erdogan auf dem Rücken der Flüchtlinge Druck auf die EU aufbaut… Glückwunsch, dieses Spiel hat Deutschland jahrelang mitgespielt.

Frau von der Leyen verspricht Griechenland Milliarden Euro… aber anscheinend nur für mehr Tränengas. Mehr Gummigeschosse, die man geflüchteten Menschen um die Ohren feuern kann. Damit Griechenland weiter als ‘Schutzschild Europas’ funktioniert.

Entschuldigen Sie, Frau von der Leyen, ein Schutzschild… gegen was? Barbarenarmeen aus dem Osten? Killerdinos? Eher gegen Menschen, die das Pech hatten, am falschen Ende der Welt geboren zu sein. In deren Heimat Waffen aus unseren Ländern Menschen töten, in denen unser Lebensstil anderen Menschen jegliche Lebensgrundlage nimmt. Die sich verzweifelt mit ihren Kindern auf den Weg machen, im Rücken den Krieg, der ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung geführt wird. Und dank Europas Abschottung den Ausblick auf Ertrinken im Mittelmeer, libysche Folterlager oder Tränengas an der griechischen Grenze mit sich bringt.

Es beschämt mich zutiefst, dass all diese Dinge aufgrund von Befehlen und Dienstanweisungen möglich sind. Und wollen Sie einen Polizisten wie mich zwingen, diese Einsatzmittel gegen Familien mit Kindern einzusetzen?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe mehrfach Gewalt erfahren und angewendet. Wenn mal wieder teure Politikertreffen gesichert werden mussten, wenn sich Halbstarke am Tag der Arbeit oder anderen Anlässen in Berlin oder Hamburg austoben oder wenn man mich bei einer Ruhestörung oder häuslichen Gewalt angegriffen hat.

Sie haben hier also niemanden vor sich, der seinen Job nicht verstanden hat und besser eine Karriere als Kopfstreichler gestartet hätte. Aber wenn ich das Ganze mal nach den gängigen Regeln des Eingriffsrecht abprüfe, komme ich irgendwann an den Punkt der Verhältnismäßigkeit. Sprich, die polizeiliche Maßnahme muss im Verhältnis zum Zweck stehen.

Was erwartet man von Flüchtenden, dass man ihnen derartige Gewalt entgegenbringt oder sie wissentlich in wackeligen Schlauchbooten auf dem Mittelmeer sich selbst überlässt? Was die drastischen und todbringenden Maßnahmen der Abwehr rechtfertigt?

Im Gegensatz zu den Menschen, die an großen Tischen in klimatisierten Räumen Entscheidungen über das Leben von Menschen treffen, habe ich die ‘Flüchtlingskrise’ 2015 im Streifendienst mit begleitet. Auch ich bin mit blauen Flecken aus einer unserer Unterkünfte gegangen, weil dort drei von 200 Menschen meinten, sie könnten machen wonach ihnen ist.

Es gab natürlich auch die Kehrseite der Medaille. Und einschlägige Parteien haben motiviert dafür gesorgt, dass man von diesen Vorfällen hört und sie für ihre ekelhaften Zwecke instrumentalisiert. Soll das aber rechtfertigen, dass ich als Polizist pauschal alles wegprügele, was versucht, die Chance auf ein sicheres Leben zu bekommen? Oder entsprechende Boote zu gefährden?

Nein, das ist nicht das, wofür ich jemals Polizist geworden bin.

Nun stehen da Polizisten wie ich, Familienväter, vielleicht Kollegen mit arabischen Wurzeln. Und machen, eine andere Umschreibung will mir einfach nicht in den Kopf, die Drecksarbeit für Politiker, die anscheinend meinen, dass es ok wäre die Augen davor zu verschließen, dass zwei Drittel der Welt gerade vor die Hunde gehen.

Hierzulande stehen zig Unterkünfte leer. Für einen G20 und anderen Mist sind Millionen Euro verfügbar. Warum nicht für diese Menschen dort?

Frau von der Leyen zaubert plötzlich 700 Milliarden Euro aus dem Hut um die Festung Europa weiter abzuschotten. Für einen Bruchteil dieser Summe könnte man einem Erdogan den Mittelfinger zeigen und den Menschen, die dort mit ihren Kindern bei null Grad im Freien übernachten, helfen.

Es macht wütend, mit anzusehen wie die griechische Küstenwache Boote bedrängt, rassistische Schläger unter den Augen der Polizei auf gestrandete Flüchtlinge Jagd machen. Wie der braune Mob aus besorgten Bürgern in AfD-Kommentarspalten hierzulande feiert und sich sabbernd Gewaltfantasien hingibt.

Das soll der Friedensnobelpreisträger Europa sein? Im weitesten Sinne mein Dienstherr?

Tut mir leid Frau Merkel, Frau von der Leyen, Herr Seehofer und alle Anderen…

Aber das Treiben dort kann und möchte ich nicht gut heißen. Nicht als Polizist, nicht als Familienvater und nicht als Mensch.

Und wäre ich nicht gerade mit einer dicken Erkältung out of order, würde ich heute eine der vielen Kundgebungen zum Thema besuchen. Das alles hat nämlich nichts mehr mit ‘links sein’ oder Ähnlichem zu tun, sondern ist eine Frage der Menschlichkeit.”

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Der Kollege ist uns persönlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben. Der Text gibt die persönliche Meinung des Autors wieder, welche wir uns alleine durch die Veröffentlichung nicht zu eigen machen.

Info zum Bild: Entstanden in Griechenland nach der Flüchtlingskrise 2015 sieht man im Hintergrund einen Berg entsorgter Rettungswesten.