Erfahrungen einer Polizistin: Corona sorgt dafür, dass die Menschen durch ihre eigenen Gedanken verrückt werden

14. April 2020 um 18:37

Erfahrungen einer Polizistin: Corona sorgt dafür, dass die Menschen durch ihre eigenen Gedanken verrückt werden

” ➖ Die drehen alle durch

Jeder von uns, alle Polizistinnen und Polizisten, erleben es gerade. Manche mehr und manche weniger. Ich weiß nicht, ob es überall so ist, aber in Berlin fangen die Menschen an, durchzudrehen.

Die Frage ist, wieso?

Ich beobachte in Dienst folgendes: natürlich haben die Läden zu – mit Ausnahme von XYZ. Eigentlich hat gefühlt alles geöffnet, außer offensichtliche Läden, wie Klamottengeschäffte, Shisha Bars und Cafés. Die Straßen sind etwas leerer als vorher, denn viele sind im Home Office. Viele nennen es auch ‘bezahlter Urlaub’. Für viele ist es schön zuhause zu sein, für andere (die mit Kindern Daheim oder die, die aufgrund von Arbeitslosigkeit nun zuhause sein müssen) ist es die Hölle.

Vieles hat sich geändert in den letzten Wochen. Meinen Job mache ich trotzdem wie vorher. Aber der Bürger ist anders geworden. Es ist wie eine zweigeteilte Bevölkerung.

Auf der einen Seite erlebe ich mehr Dank als früher. Menschen, die sich für die normalsten Einsätze bedanken, die auch tatsächlich ein DANKE aussprechen (in Berlin eine Seltenheit).

ABER auf der anderen Seite auch noch mehr Unverständnis. Provokation, Missgunst gegenüber der Politik wird an uns ausgelassen. Sie denken, dass WIR was zu sagen hätten. Sie denken, dass WIR die Maßnahmen erfunden haben und das machen, um andere zu ärgern. Es werden noch mehr Maßnahmen in Frage gestellt, es kommt noch mehr Widerstand vom Bürger.

All das könnte ich persönlich aushalten. Aber es gibt etwas, dass mir in dieser Zeit sehr aufgefallen ist.

Es ist alles Kopfsache.

Kopfsache – wie kann sie so etwas sagen bei einem Virus. Ich meine NICHT das Virus. Ich bin kein Arzt und kann dazu nichts sagen. Es geht mir darum, wie die Gesellschaft damit umgeht.

Überall redet man über #stayhome, Ausgangssperren und Kontaktverbote. Die Menschen stellen es dar, als säße man in Deutschland in seiner Wohnung gefangen – wie im Gefängnis. Dabei gehen die Menschen mehr raus als noch vor ein paar Wochen.

Als es vor 4-5 Wochen noch Minusgrade draußen hatte, war kein Mensch auf der Straße. Die Straßen waren nachts menschenleer und die Tage waren ruhig, ohne viele Einsätze.

Doch was passiert jetzt? Wir eilen von einem Einsatz zum nächsten. Wir sollen Personal reduzieren, um uns zu schützen, doch es geht nicht. Weil alle durchdrehen. Weil sie DENKEN, sie seien so eingeschränkt und weil sie sich EINREDEN, ihnen würde die Decke auf den Kopf fallen. Dazu streitet man sich über Toilettenpapier und Mehl.

Alles Kopfsache. Würden wir uns mal vor Augen führen wie viele Lebensmittel uns noch zur Verfügung stehen, würde niemand hamstern. Würden alle mal bewusst darauf achten, wie wenig sie vor ein paar Wochen noch freiwillig draußen waren, würde ihnen das jetzige Reduzieren der Aktivitäten außer Haus gar nicht so schwer fallen.

Aber nein. Der Egoismus blüht auf und für uns bedeutet das mehr Arbeit denn je. Der Frühling ist immer arbeitsintensiver als der Winter, aber Corona sorgt für viele verrückte Menschen. Corona sorgt dafür, dass die Menschen durch ihre eigenen Gedanken verrückt werden. Corona bringt einen Frühling 2.0 – leider keinen der guten Art.

Was ich sagen will? Wir als Polizei müssen irgendwie mal wieder alles aushalten… aber wir machen es, weil wir unseren Job so lieben. Oder?

Haltet durch und #staysafe 💙”

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Die Kollegin ist uns persönlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.