Fiktive Polizeigeschichte: Prävention leicht gemacht

19. April 2020 um 20:08

Fiktive Polizeigeschichte: Prävention leicht gemachtJede Person treibt etwas an. Für die Einen ist es die Liebe, für die Anderen ist es das Geld.

Für den verletzten Polizisten, der seinen kleinen Zeh Zuhause an dem Türrahmen verletzt hat und nun mit seinem Kollegen im Hauptbahnhof Präventionsarbeit betreibt, ist es die Tatsache, nicht zum polizeiärztlichen Dienst zu müssen. Nicht, dass die Verbeamtung auf Lebenszeit noch auf dem Spiel steht.

Die primäre Arbeit besteht darin, Personen, die ihre Handtaschen offen tragen oder ihre Koffer unbeaufsichtigt stehen lassen, darauf hinzuweisen, dass Taschendiebe leichtes Spiel hätten, würde man nicht besser auf seine Sachen achten.

Die sekundäre Arbeit, die von der tatsächlichen Arbeit eigentlich die primäre sein könnte, ist es, die Fragen von Touristen und Durchreisenden zu beantworten.

Wie selbstverständlich fragen uns die Personengruppen Fragen, die wir teilweise unmöglich wissen können, wenn wir nicht häufig am Bahnhof sind. Als würde über unseren Köpfen ein großes, gelbes “i” für Information schweben.

“You are right.Thank you very, very much.”

Die hübsche Finnin nimmt wieder ihren türkisen Trolli in die Hand und geht weiter in Richtung Gleis 8.

“Kannst du mal aufhören, ihr so hinterher zu starren?” Mein Kollege blickt zu mir. “Das ist ja peinlich.”

Sie betritt die Rolltreppe, die sie außerhalb meines Blickfeldes befördern soll. Kurz vorher treffen sich unsere Blicke noch einmal. Ein Lächeln zeichnet sich auf ihrem Gesicht ab. Dann ist sie weg.

Mein Mitte 40-jähriger Kollege steht ein paar Meter von mir entfernt und blickt mich kopfschüttelnd an.

“Disziplin ist seit der Einführung der Polizeiakademie auch ein Fremdwort”, nuschelt er in seinen nicht vorhandenen Bart.
Ich humple ihm hinterher.

“Wenn es deinem Zeh so schlecht geht, warum, bist du dann überhaupt zum Dienst gekommen?”
Ich humple noch einen Schritt nach vorne und bleibe neben meinem uniformierten Kollegen stehen.
Noch einmal blicke ich mich zur Rolltreppe um.

“Und dir den Spaß hier alleine überlassen? Träum weiter.”

“Spaß? Das kann doch nicht dein Ernst sein”, antwortet mein Kollege mir schockiert. “Statt uns zu diesen überflüssigen Präventionseinsätzen zu schicken, sollen die sich doch was Besseres für uns einfallen lassen. Aber was wir sagen interessiert ja eh niemanden.”

Ich humple und er geht weiter.

“Um ehrlich zu sein, würde ich echt gerne zur Prävention.”
“Du willst also zur Prävention?” Die Stimme meines Kollegen klingt, als habe er gerade etwas gehört, was er absolut nicht nachvollziehen kann.

“Du willst also todlangweilige Gespräche mit Leuten führen, während du über den Verkehr redest? Du willst dich von Kindern beschimpfen lassen? Und von deren Eltern?”
Ich denke kurz über das gesagte nach.

“Du hast gerade den Otto-Normal Polizeiberuf beschrieben.”

Der Kollege von dem langsam humpelnden Polizisten öffnet seinen Mund, um etwas zu sagen, lässt es aber. Wir schleichen weiter durch den Bahnhof, bis ein Mitte 50-jähriger Mann uns mit einer Geste zum anhalten bewegt.
Der ungeduldig aussehender Herr steht mit breiter Brust vor mir. Er guckt schon das dritte Mal, seit er uns angehalten hat, auf seine Taschenuhr, die er nach jedem Gucken wieder in seine Anzugtasche gleiten ließ.

“Wissen Sie, wo ein Schalter der Deutschen Bahn ist?”
Er guckt abwechselnd mich und meinen Kollegen an.
Mein Kollege und ich gucken uns kurz an und schütteln schleichend unsere Köpfe.

“Tut uns Leid”, antworte ich. “Das wissen wir leider nicht.” Ich blicke mich um. “Sonst fragen Sie doch mal bei der DB-Information, ob die Ihnen helfen können.”

“Sie sagen also, dass ich mich stundenlang an diese kilometerlange Schlange anstellen soll, um eine Info zu bekommen, die Sie mir auch geben können müssten? Dann komme ich ja nie an.”

Ich blicke mich noch einmal zu der kleinen, zwei Mann großen DB Informationsbox um. Drei Leute ist die kilometerlange Warteschlange lang, die unseren Hilfeersuchenden verspäten lassen würde.

“Aber, da stehen doch nur drei Pers… zwei Personen vor der Info. Sie hätten”, ich muss kurz schmunzeln, “in einer Minute ihre Information von der Information.”

Er lässt einen kurzen Blick über die lange Schlange schweifen und wendet sich dann wieder an uns.

“Und wenn schon. Sie laufen den ganzen Tag durch den Bahnhof, machen nichts. Und können dann nicht einmal so eine Frage beantworten. GANZ, GANZ schwache Leistung.”

Damit wendet er sich von uns ab und entfernt sich. Dann fällt meinem Kollegen etwas auf und zeigt drauf.

“Vergessen Sie Ihren Koffer nicht. Sonst denken wir, es wäre eine Bombe, und Sie kommen ins Gefängnis.”

Schnell kommt der Anzug zurück, greift nach seinem metallenen Koffer und mischt sich mit schnellen und großen Schritten in die Menschenmasse. Mein Kollege und ich bleiben noch eine Weile stehen.

“Arsch hin oder her. Aber musste das letzte wirklich sein?”

Mein Kollege guckt noch einmal in die Menge.

“Ich wäre ein ausgezeichneter Präventionsbeauftragter.”

©️ Mathieu Swoboda