Gedanken eines Polizisten zur Lockerung der Coronaregeln: Liebe Politiker, Ihr Wahlkampfmodus hat in der Krisenbewältigung nichts zu suchen!

24. April 2020 um 20:37

Gedanken eines Polizisten zur Lockerung der Coronaregeln: Liebe Politiker, Ihr Wahlkampfmodus hat in der Krisenbewältigung nichts zu suchen!

“Nun ist Covid-19 mit all seinen Folgen hier eingekehrt. Und doch schien es, als hätten wir gute Chancen, dass das Ganze relativ glimpflich ausgeht. Auf keinen Fall möchte ich hier Todeszahlen beschönigen oder die Not vieler Menschen herunterspielen. Aber angesichts der Katastrophen, die sich jenseits unserer Bundesgrenzen abspielen, konnten wir aufatmen… bisher…

Was in der letzten Woche passiert ist, lässt mich gerade allerdings den Kopf schütteln.

Entgegen jeglicher Vernunft und dem Rat von Experten, deren Hauptarbeitsfeld der Kampf gegen solche Pandemien ist, kommen Menschen in Anzügen um die Ecke und fordern Lockerungen der Maßnahmen und spielen sich hier als Volksretter auf.

Ja, auch ich würde gern mal wieder auf ein Konzert. Dieses Jahr verpasse ich zwei Bands die alle paar Jahre mal hier sind. Auch ich würde meinem Sohn mal wieder einen coolen Tag in der Kita gönnen.

Nein, ich verzichte. Fahre Kontrollen, stelle Bußgelder für Verstöße gegen Coronaauflagen aus. Ich bekomme den Unmut darüber als erster ab. Höre, dass Kollegen im Dienst angehustet oder angespuckt werden von Halbstarken die meinen dann noch eine Coronainfektion vortäuschen zu müssen – oder die tatsächlich erkrankt sind.

Aber hey, wenn es hilft, dann mach ich das auch gerne noch weiter. Bisher hat ein Großteil der Bevölkerung gut mitgemacht. Bis einige Politiker anfingen, die Leute mit möglichen Lockerungen wuschig zu machen.

Die sich hingestellt haben, die derzeitige Regierung angegriffen und in aller Öffentlichkeit die getroffenen Maßnahmen derart in Frage gestellt haben, dass langsam immer mehr Unmut in der Bevölkerung entsteht. Für mich hat das irgendwie eine Menge von Stimmenfang und Wahlkampf. Sich gut darstellen, hätte man es angeblich doch besser gemacht.

Liebe Politiker, Ihren Wahlkampf tragen Sie gerade auf dem Rücken tausender Menschen aus, die diese Infektion nicht überstehen würden. Das ist gerade mehr als unpassend.

Sie bauen allen Ernstes auf die Vernunft der Bevölkerung? Schauen Sie sich gern nochmal die Videos aus den Supermärkten von vor ein paar Wochen an, wo sich um Klopapier geprügelt wurde oder wie voll manche Innenstädte in den letzten Tagen waren.

Ja, natürlich ist es für die Wirtschaft eine Katastrophe. Natürlich stehen gerade tausende Existenzen auf der Kippe. Aber genau dafür haben wir einen Sozialstaat. Und diesen zu organisieren und für diese Herausforderung zu wappnen, ist Ihre Aufgabe. Nicht, gerade eine gute Figur abzugeben und die Gunst verängstigter und frustrierter Menschen einzuheimsen. Sondern Lösungen zu schaffen für die, die diese Krise nicht überstehen.

Eine Wirtschaft kann sich erholen. Der Betrieb in dem vielleicht sogar der Schwager Ihres Cousins dritten Grades der Manager ist, kann sich erholen. Über 190.000 Tote weltweit können das nicht mehr. Ausgebrannte, traumatisierte Ärzte und Krankenhausangestellte, die entscheiden müssen wer am Leben gehalten wird und wer nicht, können das nicht mehr.

Bedenken Sie das bitte, wenn Sie die nächste Lockerung aus dem Ärmel schütteln und Frau Merkel von der anderen Partei mal wieder vor den Karren fahren. An dieser Stelle sei gesagt: Das hier ist keine Parteienwerbung, aber wenn Ihre möglicherweise leichtsinnigen Lockerungen dann die Infektionszahlen nach oben treiben und uns die Situation doch entgleitet, was soll dann passieren?

Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Menschen nach Wochen der Einschränkungen aufgrund möglicherweise zu früher Lockerungen wieder ein wenig Normalität schnuppern, der Unmut über Einschränkungen wächst, weil ja übereifrige Politiker und zweifelhafte Studien unter Beteiligung von Ex-Bild-Chefredakteuren suggerieren, dass das alles gar nicht nötig sei.

Glauben Sie, wenn uns tatsächlich die Fallzahlen um die Ohren fliegen, dass die Menschen bereitwillig wieder zurück in den Lockdown gehen und wieder neue Beschränkungen akzeptieren? Vor allem da uns dann vermutlich die richtig heftigen Maßnahmen bevorstehen.

Ja, die Einschränkungen sind heftig. Und als ich Polizist geworden bin war es nie in meinem Sinne, Touristen fortzujagen und Eltern und Kinder von Spielplätzen zu scheuchen. Aber für so etwas gibt es Gerichte, die auf solche Grundrechtseingriffe schauen und diese überwachen.

Es gibt hier eine freie Presse und jede Menge Menschen, die kritisch auf die Strukturen in diesem Land schauen. Es gibt eine Menge Menschen, die sich auskennen mit der Materie und auf die man jetzt hören sollte.

Nur heißen die nicht Laschet, Schulze oder Lindner… sondern Drosten oder Wieler, nur um mal stellvertretend zwei beim Namen zu nennen.

Ich hoffe, dass wir alle möglichst schnell wieder zur Normalität können. Aber das sollten nicht Politiker auf Stimmenfang entscheiden!”

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Der Kollege ist uns persönlich bekannt, er möchte anonym bleiben.