Gedanken eines Polizisten: Anti-Corona-Demo am 9. Mai in Nürnberg

11. Mai 2020 um 19:55 Uhr

Gedanken eines Polizisten: Anti-Corona-Demo am 9. Mai in NürnbergWir hatten euch am Samstag das Video von der Anti-Corona-Demo in Nürnberg (Bayern) gezeigt, wo man viele Menschen ohne Mindestabstand und Mundschutz sehen konnte, die “Wir sind das Volk” skandierten. Ein Kollege, der mittendrin war, berichtet uns von diesem Einsatz:

“Ich sitze wie so oft im Auto. 13:30 Uhr, noch eine halbe Stunde bis zur ersten Kundgebung am Lorenzplatz.

Eine Einzeldienststreife kommt am großen Kanal: ‘Hier vor der LoKi fängt das langsam an aus dem Ruder zu laufen.’

Nur 50 Meter davon entfernt, vor meinem Auto 10, maximal 20 Leute die auf ihr Eis warten. Ich frag mich: ‘Was läuft denn da aus dem Ruder? Die erste Versammlung beginnt doch erst in 30 Minuten. Mehr als 1.000 Leute vor der LoKi? Ich sehe gar nichts davon?!’

Okay dann steigen wir auch mal aus und schauen uns die Sache aus nächster Nähe an. Ich laufe keine 50 Meter und sehe das der Platz vor der Lorenzkirche komplett gefüllt, wenn nicht sogar überfüllt ist. Die Funkkanäle sind aber still.

Ich verstehe nicht was grad genau passiert. Was ist das für eine Kundgebung? Für oder gegen was wird hier protestiert?
Wir werden über Funk aufgefordert die Leute anzusprechen und auf den Mindestabstand hinzuweisen.

Mein Kopf ist durchströmt von Gedanken: ‘War nicht genau das was verhindert werden sollte? Die Versammlungsbescheide begrenzen alle Versammlungen auf 50 Personen. Das hier sind locker 2.000! Aber na gut, dann versuche ich mal an deren Vernunft zu appellieren.’

Wir gehen zu dritt durch die Menge, rechts von mir eine weitere Gruppe von uns. Ich stelle mich in Mitten von 2.000 Menschen und bitte alle die keine Versammlungsteilnehmer sind sich zu entfernen oder zu mindestens 1,5 Meter Abstand untereinander einzuhalten. Unterstützt wird meine Ansprache vom Versammlungsleiter, mit quasi der selben Bitte.

‘WIDERSTAND WIDERSTAND’ – 2.000 Menschen im Kollektiv animieren sich gegenseitig Widerstand zu leisten. Dabei richten sich einige Ausrufe direkt an mich! Ich frage mich: ‘Widerstand gegen was?? Wir sind doch eigentlich nur da um zu schützen. Verstehen die Leute nicht, dass das Vermeiden von Menschenansammlungen in ihrem Sinn liegen sollte?’

Ich werde im gleichen Moment von so vielen Menschen angestarrt und werde für sie ein Abbild dieses ‘diktatorischen Staates’. Ich werde Ziel des Zorns derer, die sich nicht länger an die Beschränkung der Regierung zum Infektionsschutz halten möchten. Das war der Moment, in dem meine Gefühlswelt wirklich verrückt gespielt hat. War es Wut? War es Enttäuschung? Oder war es einfaches Unverständnis? Ich weiß es nicht, vielleicht eine Mischung aus allem. Ich habe nur gemerkt, dass es mich berührt und beschäftigt hat.

Wir stehen immer noch in Mitten der 2.000 Menschen. In meinem Rücken die 50 ursprünglichen Versammlungsteilnehmer, die gegen die Impfpflicht demonstrieren und sich dabei genauestens an die Auflagen ihres Versammlungsbescheides halten.

Ich denke mir: ‘Impfpflicht hin oder her, aber diese 2.000 Menschen haben doch grade keine Ahnung worum es bei dieser Kundgebung eigentlich mal ging. Klar sind die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen hart, aber sind sie so hart und nicht nachvollziehbar, dass man sich von der Grundstimmung ‘Wir gegen den Staat’ mitreißen lässt und die Polizei unter Zugzwang bringt?’.

Währenddessen gehe ich in meinem Kopf die Möglichkeiten durch, was als Nächstes passiert. ‘Wird der Platz geräumt? Nein niemals, der Polizeiführer wird nicht erlauben den Platz mit unmittelbaren Zwang zu räumen – das wäre einfach nicht verhältnismäßig.’

Im nächsten Augenblick kommen endlich mal Weisungen von oben: ‘Fordert die Leute nochmals auf den Platz zu verlassen. Appelliert an die Vernunft der Leute!’

Ich schaue meinen Kollegen daraufhin an und wir wissen beide: ‘Das macht absolut keinen Sinn, Platzverweise aussprechen, denen keiner nachkommt ohne Zwangsmaßnahmen in der Hinterhand zu haben; das macht keinen Sinn!! Es hat ja bisher noch gar nicht gefruchtet, warum jetzt?’

Ich habe gemerkt in welchem Zwiespalt der Polizeiführer war. Ist es wichtiger die Infektionsschutzbestimmungen in einer solchen Menschenmasse zu wahren? – was vermutlich nur mit Zwang durchsetzbar gewesen wäre – oder lässt man diesen ‘Infektionsherd’ so bestehen, aber umgeht dafür die Räumung des Platzes, was mit Sicherheit für viel mediales Aufsehen gesorgt hätte. Außerdem wäre das sicherlich polizei- und versammlungsrechtlich eine Gratwanderung gewesen.

Wir haben uns schlussendlich noch ein paar Minuten anschreien lassen und haben uns dann doch an den Rand der Menge gestellt.

Die Polizeiführung wollte das einfach nur schnell aussitzen, bis die offizielle Versammlung gegen die Impfpflicht vorbei ist, in der Hoffnung, dass auch alle anderen gehen. Dem war auch so!

Wir also immer noch am Rande der Menschenmasse, die sich langsam in alle Richtungen verläuft. Plötzlich kommt aus meinem Rücken eine Frau zu mir. ‘Danke, dass ihr da seid, danke für euer Fingerspitzengefühl und danke für das war ihr aushaltet.’

Ich sehe wie ihr Tränen in die Augen schießen. Das sind die Momente in denen die Arbeit echt unbezahlbar ist.”

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Der Kollege ist uns namentlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.