Gedanken einer Polizistin: Die aktuelle Situation macht mich wütend und traurig zugleich

19. Juni 2020 um 20:06

Gedanken einer Polizistin: Die aktuelle Situation macht mich wütend und traurig zugleich

“Ich bin 23 Jahre alt und arbeite als Polizeikommissarin im Einsatz- und Streifendienst. Seitdem ich denken kann wollte ich zur Polizei. Als kleines Mädchen besaß ich ein Polizeifahrrad und an meinen 7. Geburtstag lud ich meine Freundinnen zu einer Besichtigung des Kommissariates ein, in welchem ich nun seit knapp 2 Jahren nach Beendigung meines Studiums arbeite.

Es war und ist mein absoluter Traumjob!

Die aktuelle Situation macht diesen Beruf aber verdammt schwer. Es fing Mitte März an mit dem COVID-19 Virus. So eine Situation gab es bislang noch nicht. Sowohl privat, als auch dienstlich stellte einen dieser Virus vor eine Herausforderung.

Die Polizei ist wie eine Familie. Polizei ist ein Team-Job! Zur Begrüßung gaben wir uns die Hand , umarmten uns! Nun heißt es: ‘Ein Lächeln reicht.’

Im Hinblick auf die Übertragungswege ist es unstrittig, dass das zwingend notwendig ist, auf unsere Begrüßung zu verzichten. Trotz allem fehlt diese Umarmung vor Dienstbeginn. Sich vor dem Dienst zu umarmen ist für mich ein schönes Ritual, um zu zeigen, dass man im Team arbeitet. Dass man sich gerne hat und eventuell anstehende weniger schöne Einsätze zusammen meistert.

Und da ist das Stichwort -> Weniger schöne Einsätze.

Auch die gab und gibt es aufgrund der Verordnungen. Wir mussten und müssen noch immer die Kontaktbeschränkungen durchsetzten, immer wieder die Gefährlichkeit erläutern und mit der Unzufriedenheit vieler Bürger leben. Dabei waren wir selber doch auch unzufrieden. Wir hätten zum Ausgleich auch gerne Sport in Gruppen gemacht oder uns mit Freunden getroffen.

Oftmals wurde und wird uns Willkür bei den Maßnahmen unterstellt. ‘Uns treibt ihr auseinander, aber die dürfen zusammensitzen.’ ‘Ihr sitzt doch selber zu zweit im Streifenwagen.’ Das Arbeitspensum war enorm hoch.

Und hinzu kommt, dass wir selber tagtäglich mit Krankheiten in Berührung kommen. Auch wir haben Angst uns mit dem Virus anzustecken. Dazu trugen anfangs vor allem fehlende Informationen zu Infektionsmöglichkeiten bei.

Ich erinnere mich an Streitgespräche mit Kollegen, da einige es lockerer sahen und andere verängstigt waren. Ziehe ich nun Handschuhe zu dem Einsatz an? Setze ich eine Maske auf? Und was tue ich, wenn ich Kontakt mit einer Person hatte, die ein Verdachtsfall ist?

Zwei Kollegen von mir mussten für zwei Tage in Quarantäne, da sie mit einer solchen Person im Einsatz in Kontakt standen. Muss ich nun auch Angst vor einer Infektion haben, weil ich mit den Kollegen Kontakt hatte?

Das war eine schwierige Situation und ein sehr komisches Gefühl. Auf die Gefahr des Virus als solches möchte ich hier nicht näher eingehen, da jeder eine eigene Meinung dazu hat. Ich wollte meine Gefühle, meine Fragen und meine Ängste im Dienstalltag beschreiben.

 

Und als wäre dies nicht schon genug gewesen, schwappt nun noch die politische Situation aus den USA rüber nach Deutschland.

Eine SPD Politikerin, die äußert, dass es einen ‘latenten Rassismus‘ bei der Deutschen Polizei gibt und zahlreiche Einsätze in denen einem bestehender Rassismus unterstellt wird.

Seien es Personenkontrollen, in welchen einem unterstellt wird man würde die entsprechende Person nur aufgrund ihrer Herkunft kontrollieren. Oder Einsätze, in welchen man rechtmäßig Gewalt anwenden muss, die ‘nur angewandt wird, da man Ausländer ist’.
Oder auch die Aufnahme eines Verkehrsunfalls, wo einem am Ende noch der nette Satz mitgegeben wird, ‘dass Deutschland immer weiter nach rechts rücken würde’.

Ich habe manchmal das Gefühl, es gibt Menschen, die sich überhaupt nicht vom Gegenteil überzeugen lassen wollen, die sich in ihrer Rolle als ‘diskriminierter Ausländer’ sogar wohl fühlen.

Und die vor allem nicht ihr falsches Verhalten sehen wollen, sondern die Schuld auf die Polizei als ausländerfeindliche Behörde schieben.
Um es mal ganz einfach auszudrücken: ‘Ich habe nichts falsch gemacht, ihr seid einfach nur rassistisch.’

Natürlich kann man das nicht verallgemeinern. Genauso wenig kann man allerdings verallgemeinern, dass Polizisten rassistisch sind und handeln!

Das, oder ähnliches, beobachte ich schon seit Beginn meines Studiums. Jedoch fällt es mir seit einigen Wochen vermehrt auf. Und die Entwicklung macht mich traurig. Ich selber lasse mich ungern als Rassistin deklarieren – denn das bin ich ganz und gar nicht.

 

Und leider ist das immer noch nicht alles. Die politische Diskussion geht auch um die ‘Polizeigewalt’.

Am Wochenende gab es im Innenstadt-Bereich Hannovers einen Einsatz, in welchem 200-300 Personen zwei Beamte umzingelt haben, da diese Gewalt gegenüber einer Person angewandt haben.
Die Polizeibeamten wurden angeschrien, beleidigt und es wurde überlegt diese mit Pflastersteinen zu bewerfen – und das ist nur EIN Beispiel von vielen.

In letzter Zeit gab es mehrfach Einsätze mit einer ähnlichen Intention und einem ähnlichen Gewaltpotential von sogenannten Störern. Diese Entwicklung verängstigt mich. Sie macht mich traurig. Und zugleich wütend!

Ich bin doch auch nur ein Mensch. Ein Mensch, der Polizistin geworden ist, um anderen Menschen zu helfen. Um das Böse zu bekämpfen.
Und nun müssen wir uns sowas gefallen lassen? Müssen wir mit der Angst zur Arbeit gehen, dass wir nicht heile nach Hause kommen? Müssen unsere Angehörigen um unsere Gesundheit fürchten?

 

Wir sind doch verdammt nochmal auch nur Menschen. Wie alle anderen auch.

 

Wir müssen momentan mit soviel Skepsis und Negativität gegenüber unserem Beruf leben. Wir müssen uns immer wieder rechtfertigen. Es kostet so viel Kraft.

Und trotzdem werde ich die Freude an meinem Kindheitstraum nicht verlieren. Ich fahre kein Polizeifahrrad mehr, sondern den Funkwagen. So wie ich das Fahrrad mit Freude gefahren habe, fahre ich den Funkwagen auch mit Freude!

Zusammen schaffen wir das! So wie wir jeden Einsatz als Team geschafft haben. So überstehen wir auch diese turbulenten Zeiten als Team.

Auch wenn aufgrund von Corona noch keine Umarmungen erlaubt sind: Fühlt euch gedrückt, liebe Kollegen! 🥰 “

——————-

Die Kollegin ist uns namentlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben. Die Verlinkungen erfolgten durch uns, um Hintergrundinformationen bereitstellen zu können.