Gedanken einer Polizistin: Wenn Gaffer sich selbst in Gefahr bringen

27. Juni 2020 um 19:34 Uhr
Gedanken einer Polizistin: Wenn Gaffer sich selbst in Gefahr bringen

Foto mit freundlicher Genehmigung von Stephan F. F. Dinges

“Ich möchte von einem Einsatz erzählen, der mich absolut sprachlos gemacht hat.

Auf der Wache ging die Meldung ein, dass es zu einem Tötungsdelikt mittels Schusswaffe gekommen sei, der Täter befinde sich noch im Objekt.

Mein diensterfahrener Streifenpartner, der trotz der Meldung einen kühlen Kopf bewahrt hat, und ich, 24-jährige Polizeikommissarin, legten also schnellstens die Ausrüstung für lebensbedrohliche Einsatzlagen an, statteten uns mit Maschinenpistolen aus und begaben uns umgehend zur Einsatzörtlichkeit.

Als die ersten Beamten vor Ort versuchten wir das Gebäude, ein Mehrfamilienhaus mitten in der Stadt (!!!), bestmöglich abzusichern. Mit ca. 15 kg plus an Schutzausrüstung und Unmengen an Adrenalin stellte ich mich vor das Gebäude, mein Streifenpartner dahinter. Wir als Polizei versuchen stets den Bürger zu schützen, dafür müssen wir den Schutz unseres Streifenpartners manchmal hinten anstellen – denn nur so konnte gewährleistet werden, dass der Täter das Gebäude nicht verlassen kann.

Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass wir auch nur Menschen sind die Angst haben – und ja, ich hatte Angst. Angst um meinen Streifenpartner, Angst um das Opfer das vielleicht schwerst verletzt in dem Gebäude liegt, Angst um jeden Unbeteiligten in der Nähe des Einsatzortes und ja, auch Angst um mich.

Es machte sich etwas Erleichterung bemerkbar als ich feststellte, wie immer mehr mit massiver Schutzausrüstung ausgestattete Kollegen die Einsatzörtlichkeit erreichten. Zwar war die Situation die gleiche wie vorher, aber wir waren zusammen und es musste niemand mehr alleine sein, ohne auf den anderen aufpassen und diesen beschützen zu können.

Als wir nun das Gebäude umstellten, mit mindestens 10 stark bewaffneten Polizisten, musste ich feststellen, wie sich immer mehr Passanten in nächster Nähe des Einsatzortes versammelten um das Geschehen zu verfolgen.

Wir als Polizeibeamte haben ausreichend Erfahrung mit Gaffern – diese Personen kann man nicht anders beschreiben – in Einsatzlagen wie Unfällen, Ladendiebstählen, Körperverletzungen…ich könnte vermutlich noch so einiges aufzählen. Was mir aber absolut schleierhaft ist, ist wie eine solche Situation, eine derart geschützte und bewaffnete Polizeipräsenz, Menschen anlocken kann.

Wir sind wesentlich besser geschützt als Passanten, wir haben Angst. Wie kann es sein, dass völlig ungeschützte Menschen keine Angst haben?

Trotz mehrfacher, lautstarker Aufforderung, wird der Bereich nicht geräumt. Was wäre passiert, hätte tatsächlich jemand aus dem Gebäude geschossen? Wenn jemand verletzt oder sogar getötet worden wäre? Ist sowas wirklich nötig, um trotz aller Warnzeichen die Gefahr zu erkennen? Glücklicherweise ist nichts von alldem passiert. Dennoch weiß ich nicht, wie wir noch deutlicher auf die Gefahren aufmerksam machen können.

Ich liebe meinen Beruf und stelle mich Gefahren um jeden anderen zu schützen. Sofern man sich auf die anderen verlassen kann, ist der Schutz wesentlich höher und das ist es, was verstanden werden muss.

Ich bin froh, dass (dieses Mal) alles gut ausgegangen ist!

Ich wünsche allen Kolleginnen & Kollegen, dass sie stets gesund nach Hause kommen! Ich wünsche allen Menschen da draußen, dass sie lernen uns zu verstehen & den Ernst der Lage zu erkennen – denn nur so können wir beschützen!”

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Die Kollegin ist uns namentlich bekannt, sie möchte jedoch anonym bleiben.