“Es gibt nichts Höheres, als unserem Land zu dienen”: Integration und Rassismus bei Bundeswehr und Polizei

17. Juli 2020 um 20:54

"Es gibt nichts Höheres, als unserem Land zu dienen": Integration und Rassismus bei Bundeswehr und PolizeiIn Gesellschaft und Politik gibt es seit Monate eine Debatte darüber, ob es im Staatsdienst Rassismus gebe und andere wiederum fragen, inwiefern Integration in der Gesellschaft allgemein und auch im Staatsdienst gelingen kann.

Befeuert wird diese Diskussion einerseits durch Vorgänge in den USA, deren Ursache manche gerne auch hierzulande herbeireden würden. Andererseits tun Vorgänge wie rechtes Gedankengut bei der Eliteeinheit der Bundeswehr, Kommando Spezialkräfte (KSK), und Drohschreiben der sogenannten NSU 2.0, bei der womöglich Mitarbeiter der Polizei beteiligt sein könnten, ihr übriges.

Doch schauen wir mal vorurteilsfrei und unvoreingenommen auf die Fakten und fragen diejenigen, die aus eigener Erfahrung etwas dazu sagen können. Zunächst zu den Fakten.

 

Bereits seit Jahren werden bei den Polizeien von Bund und Ländern Migranten angeworben. Teils mehrsprachig liegen Flyer und Infomaterial in Botschaften oder Treffpunkten aus. Hierbei geht es nicht darum, möglichem Rassismus entgegen zu wirken. Es geht vielmehr darum, dass auch innerhalb der Polizei die gesellschaftlichen Verhältnisse abgebildet werden.

Durch Migration aus vielen Ländern der Welt ist es einfach nur sinnvoll, wenn auch innerhalb der Polizei der Migrantenanteil erhöht wird, um Sprachbarrieren abzubauen, Verständnis für kulturelle Gegebenheiten zu schaffen, interkulturelle Kompetenz zu fördern und Vorbehalte beim polizeilichen Gegenüber abzubauen.

Hier sind zweierlei Dinge maßgebend. Einerseits das gezielte Anwerben von Migranten in den Polizeidienst, andererseits der Wille und das Interesse des angesprochenen Personenkreises, den Polizeidienst interessant zu finden und die Fähigkeit zu haben, die hohen Einstellungsanforderungen zu meistern. Doch wie sieht das aktuell aus?

Einer Studie des Mediendienst Integration von 2019 zufolge, sieht der Anteil an Migranten unter den Bewerbern und im Personalanteil höchst unterschiedlich aus. Während in Berlin zum Beispiel 36 Prozent der Bewerber Migranten sind, von denen 32,5 Prozent auch eingestellt werden, führt das dort zu einem Migrantenanteil beim Personal von 29,4 Prozent. Damit ist Berlin bundesweit führend bei den Bewerberzahlen, nicht jedoch im Personalanteil.

Ganz anders in Bremen. Dort befinden sich unter den Bewerbern 22,2 Prozent Migranten, von denen 14,7 Prozent eingestellt werden und zu einem aktuellen Migrantenanteil im Personal von 32 Prozent führen. Bei den Einstellungen im Mittelfeld, beim Personalanteil bundesweit führend.

Sachsen macht zwar keine Angaben bei den Bewerberzahlen, gibt aber den Migrantenanteil insgesamt mit 7,2 Prozent an. Damit ist Sachsen allerdings unter den Polizeien nicht das Schlusslicht, das ist Thüringen mit einem Anteil von 6,3 Prozent, wobei auch hier bei den Bewerberzahlen keine Angaben gemacht werden.

 

Hören wir mal, was Malik zu sagen hat. Malik ist 22 Jahre alt, er hat bosnische Wurzeln und studiert bei der Polizei Berlin. Gerade sitzt er an seiner Bachelorarbeit. Er sagt:

“Klar hatte man früher dieses Bild auch durch Freunde oder so. Dieses: Scheiß Bullen oder so. Wir mit Migrationshintergrund, wir werden immer kontrolliert. Solche Klischees halt. Aber bei mir haben sich alle Freunde, Familie, Bekannte, alle eigentlich sehr darüber gefreut und meinten, dass das was Gutes ist.”

Er steht zu seinen Wurzeln und auch zur Kultur seines Vaters. Er hört am liebsten bosnische Folklore und nicht die moderne Musik wie seine Altersgenossen. Doch einen Loyalitätskonflikt kann er nicht erkennen. Er liebt zwar Bosnien, doch er freut sich darauf, nicht nur Polizist zu werden, sondern deutscher Polizist zu werden.

 

Daniela Klimke, Soziologin und Professorin an der Polizeiakademie Niedersachsen, bewertet diese Entwicklung so: “Für die Herkunftsfamilien ist das ein sichtbarer sozialer Aufstieg. Man rückt ja vor in die staatlichen Berufe. Und da sind viele Familien auch zu Recht sehr stolz auf ihre Kinder, wenn ihnen das gelingt.” Und weiter:

“Wir haben sehr hohe Einstellungshürden, und es haben dann eben die Polizeianwärter die besten Chancen, die sehr hohe Leistungen erbringen. Wenn Menschen mit Migrationshintergrund in sichtbarer Zahl in der Polizei aufgenommen werden, dann zeigt das einen kollektiven sozialen Aufstieg.”

Klimke sieht zwar in der Tatsache, dass der Migrantenanteil in der Polizei größer wird, keinen Garant dafür, dass Rassismus wirksam verhindert oder unterbunden wird, allerdings könne eine positive Wirkung erzeugt werden: “weil die Kollegen gar nicht mehr dieses Merkmal Ethnizität wahrnehmen. Da gibt es einfach keinen Unterschied mehr, wenn sie in dem Polizeidienst drin sind.”

 

Das bestätigt auch Nariman Hammouti-Reinke. Sie ist Offizierin der Bundeswehr und Tochter marokkanischer Eltern. Sie sagt, den “Islam-Hass”, den man sonst in der Gesellschaft stellenweise antrifft, “den habe ich innerhalb der Truppe nicht”.

Ganz im Gegenteil stoße sie auf Neugier und sie beantworte gern die Fragen zum Islam, die an sie gerichtet werden. Ein Vorgesetzter sei sogar mit einem muslimischen Soldaten im Ramadan laufen gegangen, um herauszufinden, welche körperliche Belastung man dann überhaupt verlangen könne.

Die Augen geöffnet hat ihr der erste Afghanistaneinsatz, erst hier verstand sie den Spruch von Verteidigungsminister Peter Struck, dass Deutschlands Freiheit am Hindukusch verteidigt werden müsse. “Erst als ich dort war, habe ich verstanden, warum er das gesagt hat. Die Bedrohung, die wir innerhalb von Deutschland haben, die kommt auch aus Afghanistan. Terrorismus ist nicht so weit weg”, sagt sie.

Hammouti-Reinke ist loyal aus Überzeugung. Loyal Deutschland gegenüber und auch der Bundeswehr. Nicht nur als Vorstandsvorsitzende des Vereins “Deutscher. Soldat.”, der als Antwort auf die Sarrazin-Debatte gegründet wurde, nach der es einem “Gen-Defekt” geschuldet sei, dass sich Migranten nicht integrieren könnten, möchte sie aks Vorbild vorangehen und gelungene Integration zeigen und vorleben und stellt fest:

“Es gibt nichts Höheres, als unserem Land zu dienen und zur Not auch sein Leben dafür zu geben.”