Suizid in Uniform: Wenn das Leben nicht mehr lebenswert erscheint

5. Juli 2020 um 19:20

Suizid in Uniform: Wenn das Leben nicht mehr lebenswert erscheintWir haben in den vergangenen Tagen ein paar traurige Nachrichten erhalten. Nachrichten über den Suizid von Kolleginnen und Kollegen. Während die einen noch ganz am Anfang ihrer polizeilichen Laufbahn standen hatten andere nur noch wenige Jahre bis zur Pensionierung.

Auch wenn uns Informationen über die einzelnen Suizide vorliegen, möchten wir an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen. Wir möchten viel mehr unsere Gedanken zu diesem Thema mitteilen und am Ende auf Hilfsangebote hinweisen.

 

Einige reden über ihre Verzweiflung, über ihre Absichten und Wünsche, andere wiederum posten sie sogar online, auch hin und wieder auf unserer Seite, und wieder anderen merkt man es nicht an. Sie haben diese Gedanken und bewahren sie für sich alleine auf.

Sie sind an einem Punkt angelangt an dem es keine Lösungen mehr zu geben scheint, jedenfalls in ihren Augen. Einige haben das Gefühl versagt zu haben und keine Kraft mehr zum Kämpfen. Einen neuen Tag zu beginnen bedeutet für sie neue Qualen erleben zu müssen und sich zu Fragen:

 

Warum tue ich mir das noch an und wofür?

 

Ein Gedanke und die Hoffnung, dass dieser Schmerz endlich aufhören soll. Der Wille das zu ändern wird immer größer, er steigt. Er nimmt einen großen Platz ein, manchmal sind da noch Zweifel, doch auch diese werden weniger.

So oder so ähnlich geht es einigen Menschen in unserer Gesellschaft. Hinzu kommen noch Stress und viele weitere Faktoren, wie Mobbing, finanzielle Sorgen, Krankheit, Einsamkeit, Probleme mit den Kollegen… um mal ein paar zu nennen.

Dann gibt es da Berufe, die noch ein ganz anderes Bild zeigen. Polizisten, Rettungskräfte, Pflege- und Krankenhauspersonal usw., die täglich mit Menschen in Kontakt kommen und Bilder und Fälle erleben, die auch sie an ihre Grenzen kommen lassen.

Der Beruf eines Polizeibeamten hat einige Faktoren, die da eine Rolle spielen können. Ein Polizist soll härter sein als andere, er soll den Staat repräsentieren und eine Respektperson darstellen und somit auch einen Teil seiner Menschlichkeit beiseite schieben. Er muss sich in Gefahren begeben, um zu schützen, wo andere sich schon lange versuchen in Sicherheit zu bringen. Er muss sich beleidigen und bespucken lassen und vieles an Gewalt ertragen, und muss dennoch weiter machen.

Es kommt zu Einsätzen, bei denen man Bilder sieht und Schicksale von Menschen kennenlernt, die man dann so einfach in eine Schublade ablegen können soll. Es kommt zu Situationen, für die man auch als Mensch gar keine Taschen mehr hat, zu Einsätzen, wo man eine Waffe gegen einen Menschen richten muss und ihn verletzt oder sogar tötet. Aber das reicht alles noch nicht aus, hinzu kommt wenig bis keine Unterstützung, fehlendes Personal und haufenweise an Überstunden.

 

Familien zerbrechen, weil sich der Mensch verändert hat. So nimmt das Schicksal seinen Lauf.

 

Hierbei wird eines deutlich, es zeigt, dass es den Mensch in der Uniform nicht gibt, nicht geben darf/soll, denn er wird oft nicht mehr als Mensch (an-) gesehen, er hat zu funktionieren. Er muss sein eigene Menschlichkeit unterdrücken und in eine Rolle schlüpfen, die ihm zugedacht wurde, oder die er einnehmen muss, um seinen Job erledigen zu können. Geführt wird er sowieso nur mit einer Nummer, auch im Einsatz. Namen sind überflüssig.

Doch was passiert mit dem Mensch in der Uniform, wenn er an seine Grenze stößt? Wenn er mit den Bildern aus Einsätzen oder den Geschehnissen nicht zurecht kommt? Er schweigt viel zu oft. Hilfe zu holen wird gern als ein Zeichen der Schwäche gewertet, was ja sozusagen den Verlust der Fähigkeit darstellt, diesen Job adäquat mit den nötigen Distanz ausüben zu können. Und dann? Etwas anderes hat man nicht gelernt, man hat sich aus einer Berufung heraus bewusst dafür entschieden.

Dies hat ebenfalls Konfliktpotential. Der Ausweg? Unsere Zeilen weiter oben…?

 

Ja, es bleibt der Wunsch, dass dieser Schmerz, der Kummer und die Sorgen aufhören. Dass diese Bilder, die einen sogar nachts verfolgen, aufhören. Der Wunsch ist Erlösung. Ein Polizist trägt eine Waffe bei sich, er weiß was sie anrichten kann und setzt sie dann gezielt gegen sich selbst ein.

Nicht die Fragen nach dem Warum steht mehr im Mittelpunkt, sondern das Ende, die Erlösung, der Suizid. Die Frage nach dem Warum stellen dann die Angehörigen, die Freunde und Kollegen, die so gerne geholfen hätten, die sich Vorwürfe machen, weil sie die Zeichen nicht gesehen, den Schmerz nicht gespürt haben.

Die Frage nach dem Warum stellt sich eigentlich nicht und auch Vorwürfe an sich selbst sollten keinen Platz einnehmen. Jeder Mensch empfindet anders, geht anders mit Problemen um und auch mit Bildern, Sorgen und Problemen. Helfen kann man in solchen Fällen nur bedingt. Manchmal gibt es Hilferufe, dann kann man, ja dann muss man helfen. Der Wille, sich Hilfe zu holen oder Hilfe zuzulassen, ist hierbei immens wichtig.

Ein Suizid ist Ansichtssache, aber gewiss kein Zeichen von Schwäche. Unsere Leistungsgesellschaft tut sich immer noch schwer damit. Wenn man richtig überlegt, braucht man dazu eine gewisse Portion Mut und eine Hoffnung, dass danach alles besser wird bzw. der Schmerz dann aufhört.

Suizid sollte kein Tabu-Thema sein, auch nicht oder gerade nicht in diesen Berufen. Es sollte Zeit werden einmal umzudenken. Es sollte aufgehört werden, die Menschen so unter Druck zu setzen, sie an das Ende ihrer Kräfte zu treiben und sie auszunutzen. Es sollte zugelassen werden auch mal schwach zu sein zu können und Schwäche zeigen zu dürfen. Ihnen sollte Hilfe angeboten werden, ohne sie dafür zu verurteilen. Erst dann wird sich etwas ändern!

 

Auch dieser begleitende Trauerspruch macht so manchen Gedanken dazu deutlich:

„Dein Herz hat aufgehört zu schlagen. Wolltest nicht mehr bei uns sein?
Offen bleiben uns so viele Fragen: Warum musste das so sein?
Dein Lebensweg ist nun zu Ende, still ruht dein müdes Herz,
still ruhen deine fleißigen und hilfsbereiten Hände,
erlöst bist Du von Verzweiflung und Schmerz,
Wir vermissen dich so sehr …..“

 

Viele Menschen sind betroffen und trauern um Kollegen oder Menschen, die einen Suizid begannen haben. Bevor es dazu kommt und wenn Menschen/Kollegen sich in einer ähnlichen Lage befinden, holt euch bitte Hilfe!

 

Hinweis:

Wenn du dich traurig oder depressiv fühlst, du keine Lust mehr hast, vielleicht sogar am (Weiter-) Leben, dann wende dich bitte an Freunde oder Bekannte. Rede darüber, denn reden hilft und du fühlst dich nicht so alleine!

Für Polizisten gibt es die Polizeiseelsorge oder auch andere Stellen, die zur Verschwiegenheit verpflichtet sind. Ansonsten kannst du auch die Telefonseelsorge oder eine andere Beratungsstelle kostenlos und anonym anrufen. Telefonnummern und Links für Deutschland, Österreich und die Schweiz findest du bei uns im Blog.

Hinterbliebene, die einen Angehörigen nach einem Suizid verloren haben, erhalten beim Projekt Hilfe nach Suizid Unterstützung (nur online).