Auf Streife mit Lothar Riemer: Die Mär vom Knöllchen

20. September 2020 um 20:07

Auf Streife mit Lothar Riemer: Die Mär vom Knöllchen

„Nun kommt er also doch noch – der Tagesordnungspunkt ‚Verkehrsstatistik‘. Inbrünstig hatte ich gehofft, der Kelch gehe an uns in der Dienstgruppenleiterbesprechung vorüber. Doch weit gefehlt. Da gibt es kein entrinnen.

Nun werden sie also präsentiert, die Zahlen der geahndeten Verkehrsverstöße. Wie Hagelkörner prasseln sie auf uns Schichtleiter nieder. Man kann gar nicht umhin, von ihnen getroffen zu werden. Wer hat wie viel und vor allem welche Verkehrsverstöße geahndet.

Meine Dienstgruppe ist einmal mehr weit vom Klassenprimus entfernt. Eigentlich möchte ich aufstehen und gehen. Was sagen solche Zahlen denn aus? Aber der Druck wird von ganz oben nach unten durchgereicht.

Da kommt auch mein Dienststellenleiter nicht aus. Was wohl in ihm vorgeht, wenn er uns wieder ermahnt, doch mehr für die Zahlen zu tun?

 

Eine 50jährige Türkin sitzt in meiner Polizeiwache. Der herbeigerufene, türkisch sprechende Kollege, übersetzt das Elend, das die Frau kleinlaut von sich gibt. In ihren Koffer hat sie nur das Notwendigste eingepackt und ist nach über dreißig Jahren Ehe von ihrem prügelnden Mann davongelaufen.

Der ahnt noch gar nichts. Ins Frauenhaus will sie gehen und bringt sich lieber um, als noch mal zu ihrem Mann zurückzugehen. Viel zu lange, der Kinder wegen, hat sie die Tortouren ertragen, nachdem sie in Anatolien mit ihm zwangsverheiratet wurde.

Pech nur für sie, dass sie sich den Freitagnachmittag dazu ausgesucht hat. Da haben die Hilfsorganisationen schon ihr wohlverdientes Wochenende und die Sozialbehörden schließen sowieso schon um 12:00 Uhr. Nach endlosen Telefonaten erklärt sich mir gegenüber die Leiterin eines Frauenhauses bereit, die
Türkin aufzunehmen.

Aber nur, wenn eine Polizeistreife sie gleich vorbei bringt. Schließlich wolle sie ins Wochenende und ist eigentlich schon gar nicht mehr da. Drei Stunden beschäftigt mich dieser ‚Fall‘ und taucht lediglich mit fünf Zeilen im Einsatztagebuch auf.

Nur war leider keine Zeit für ein Knöllchen.

 

Vierzig Mann der freiwilligen Feuerwehr und Wasserwacht stehen bereit; dazu sieben Polizeifahrzeuge. Der Hubschrauber ist bereits in der Luft. Ich teile der Mannschaft die Suchgebiete zu und beschreibe nochmals die vermisste 15jährige Deutsche. Kurz danach schwärmen wir mit Taschenlampen bewaffnet in die pechschwarze Nacht hinaus.

Von der Ferne ist das Knattern des Hubschraubers zu hören. Mit einer Infrarotkamera im Helikopter beginnt er bereits mit der Absuche des Isarkanals. Nach zwei Stunden die erlösende Nachricht. Eine Polizeistreife hat das Mädchen an einem S-Bahnhof gefunden. Wollte sie sich gerade vor den Zug werfen?

Als ich dem Vater die erlösende Nachricht überbringe, fällt er mir um den Hals und weint hemmungslos. Mein Kloß im Hals wird immer größer und ich versuche möglichst geschäftig zu klingen. Der einzige Schutz, um nicht selbst in den Strudel der Gefühle zu gelangen. Mit einer kurzen Nachbesprechung und einem herzlichen Dank an alle Einsatzkräfte entlasse ich diese und fahre davon.

Für Knöllchen ist es aber nun wirklich schon viel zu spät.

 

Nachdem die Ärztin das Telefongespräch beendet hatte, glaube ich zuerst an einen schlechten Scherz. Eine Frau hat starke Unterleibsblutungen und verweigert die lebensnotwendige Operation. Nun soll es die Polizei richten. Zwei erfahrene Polizistinnen begeben sich zum Krankenhaus und können nach langem einfühlsamen Zureden die Damen zur Operation überreden.

Aber danach müssen sie unbedingt zur Verkehrsüberwachung um ein paar Knöllchen zu schreiben.

 

Eine Frau, sie dürfte in meinem Alter sein, betritt die Wache. Sie möchte mit dem Dienst habenden Chef sprechen. Da ist sie bei mir an der richtigen Stelle. Sie schildert unter Tränen ihre Situation.

Draußen in ihrem Fahrzeug sitzt der 14jährige Sohn. Er ist bockig und will nicht mehr aussteigen. So ist sie in ihrer Hilflosigkeit zur Polizei gefahren. Allein gehe ich zum Parkplatz und spreche mit dem Sohn.

Später sitzen wir alle drei im Vernehmungszimmer und führen ein ausgiebiges Gespräch. Ich biete Hilfe an, zeige Lösungsmöglichkeiten und erzähle von meinen eigenen Erfahrungen als dreifacher Vater. Nach über zwei Stunden kann ich die beiden nach Hause entlassen. Sie, eine Familientherapeutin, dankt mir herzlich.

‚Aber nun muss ich los‘, sage ich zu ihr, ‚ein paar Parksünder bedürfen auch meiner Aufmerksamkeit‘.

 

Ein Frontalzusammenstoß zweier Fahrzeuge führte zum Verkehrschaos. Die Vollsperrung der Landstraße ist unumgänglich und nun versuchen mein Kollege und ich, Ordnung in das Durcheinander zu bringen. Es gelingt uns allerdings nur schwer.

Nachdem die Feuerwehr die schwer verletzten Personen aus dem Fahrzeug geschnitten hat, werden sie mit dem Rettungshubschrauber nach München in eine Spezialklinik geflogen.

Rettungskräfte, Unfallgutacher und herbei kommende Angehörige bestürmen uns mit Fragen. Der Staatsanwalt will per Telefon über den Fall informiert werden. Nebenbei muss die Unfallaufnahme mit Spurensicherung erfolgen.

Nach drei Stunden kann die Fahrbahn wieder frei gegeben werden und wir machen uns völlig ausgelaugt auf den Weg zur Dienststelle, um die notwendige Schreibarbeit zu erledigen.

Die Verkehrsüberwachung fällt mal wieder ins Wasser. Aber morgen, ja morgen ganz bestimmt, da schreib ich ein paar Knöllchen.

 

Nachdem der ambulante Pflegedienst nicht gekommen ist, ruft die besorgte Nachbarin bei der Polizeiwache an. ‚Meine gelähmte Obermieterin hat den ganzen Tag noch nichts zu Essen bekommen‘, klagt die Dame. Sie selber kann sich auch kaum noch bewegen.

Vor Ort ist die Situation schnell geklärt. Personalmangel führten zu dem misslichen Umstand, und so musste eben die Polizei ran. Schließlich sind unsere ‚Pflegekräfte‘ 24 Stunden im Dienst. Da wir Wochenende haben, ist unbürokratische Hilfe gefragt.

Nach eingehender Beratung begeben sich die ‚uniformierten Pfleger‘ zum evangelischen Gemeindepfarrer. Der ist leider nicht da, dafür aber dessen Kinder. Nach Schilderung des Falles wird gemeinsam gekocht und die gelähmte Frau verpflegt. Die Kinder des Pfarrers versprechen, sich über das Wochenende um Frau M. zu kümmern.

‚Jetzt müssen wir aber los‘, verabschieden sich die Kollegen. ‚Wir sollten eigentlich Parksünder aufschreiben‘.

 

‚Und so ist mir längst klar
Dass nichts bleibt
Dass nichts bleibt
Wie es war‘

…dudelt es aus dem Radio. Ich schreibe gerade die Verkehrsstatistik meiner Dienstgruppe und stelle mit entsetzen fest, dass die nächste Dienstgruppenleiterbesprechung sicherlich wieder nicht angenehm wird. Aber nächsten Monat, da packen wir es an.

Ich nehme es mir ganz fest vor, denn ‚Knöllchen‘ schreiben gehört doch schließlich auch zu unseren Aufgaben!

——————–

Dieser Bericht von Lothar Riemer ist zuerst bei den Polizei-Poeten erschienen.

Über das Thema Fangquoten hatten wir bereits berichtet.