Fiktive Polizeigeschichte: Einkaufen

11. Oktober 2020 um 12:13

Fiktive Polizeigeschichte: EinkaufenIch habe Feierabend und bin uniformiert auf dem Weg nach Hause. Endlich. Nicht, dass ich meinen Job nicht gerne ausüben würde. Aber irgendwann ist auch mal gut.

Dann klingelt plötzlich mein Handy. “Bitte lass es nicht meine Dienststelle sein”, denke ich. Langsam hole ich es aus der Hosentasche und gucke auf den Display. “Puh”, entweicht es mir, “nur der Wecker.”

Auf dem Display steht die Zeit und in fetten und provokanten Großbuchstaben “EINKAUFEN”. Ich tippe auf den Wecker und schalte ihn aus. “Oh”, sage ich. “Da war Swob aber schlau, dass er in fünf Minuten noch mal einen Wecker fürs Einkaufen gestellt hat. Falls er den Ersten nicht hört.” Ich stelle auch ihn aus.

Die Dame, die neben mir an der roten Ampel gewartet hat dreht sich verstört zu mir um, nimmt ihre Tochter an die Hand und geht mit ihr bei rot über die Straße. Ich sage nichts. Irgendwann habe ich auch mal Feierabend.

Im Supermarkt wird es merklich wärmer. Der Markt muss gerade erst geöffnet haben. Es sind kaum Kunden vor Ort und einige Mitarbeiter räumen noch Regale ein oder füllen sie auf. Ich schlendere durch den ersten Gang.

Links befinden sich erst überwiegend Schoko-Produkte und dann das Gemüse und das Obst, rechts Molke- und Wurstprodukte.

Während ich noch in Gedanken mein Frühstück auswähle, fällt mir ein Mann ins Auge. Er steht vor dem Schokoladenregal und hat einen großen Rucksack über seiner rechte Schulter. Leicht blickt er sich einmal um, dann nimmt er drei Packungen Ferrero Rocher und drei Packungen Kinder Bueno und legt sie in den Rucksack. Dann geht er weiter. Ach, der wird das schon bezahlen. Denk nicht immer das Schlimmste.

Ich nehme mir stattdessen eine Rolle Zwiebelmett und packe mir zwei Brötchen ein. Zu dem einen abgepackten Eiscappuccino. Dann gehe ich Richtung Kasse.

Bei den in Tetrapack eingetüteten Getränken steht wieder der Mann von vorhin. Er trägt einen schwarzen Mantel, eine schwarze Anzughose und schwarze Anzugschuhe.

Er nimmt sich zwei Robby Bubble, legt sie senkrecht in seine nun übervolle Tasche und schließt den Reißverschluss. Dann geht auch er, vor mir, in Richtung der Kassen.

Wir bleiben an einer leeren Kasse ohne Kassierer stehen.

“Kann man mal machen”, versuche ich ein Gespräch mit dem Mann aufzubauen. “Einfach den Supermarkt öffnen und dann frühstücken gehen, sodass niemand an der Kasse ist.” Mir huscht ein leicht verständnisloses und sarkastisches Lächeln übers Gesicht.

Doch der Mann mit dem Rucksack macht keine Anstalten mir zu antworten, geschweige denn an der Kasse zu warten. Ohne sich umzublicken läuft er gemütlich an der Kasse vorbei und biegt dann nach links Richtung Ausgang ab.

Der wird doch wohl nicht etwa…

“Polizei Berlin, schönen guten Morgen. Bleiben sie mal bitte stehen?”
Doch es kommt nicht zu einer Unterhaltung. Denn kaum habe ich zu Ende gesprochen, rennt der Mann plötzlich los.
Warum müssen die immer weg laufen?

Mit weinendem Auge blicke ich auf mein Fast-Frühstück, lege es aufs Kassenband und laufe dann hinterher. Die Glastür mit Lichtschranke ist noch offen.

Mit vollem Tempo laufe ich raus.
Mit vollem Tempo rutsche ich aus.
Mit vollem Tempo knalle ich hin und bekomme Applaus
von nun heran eilenden Kunden, die vermutlich noch nie einen Polizisten am Boden gesehen haben.
Zugegeben, es ist wirklich peinlich, aber…

“Bleiben sie stehen!”

Wie kann der mit den Schuhen nur so schnell laufen, ohne sich was zu tun. Ich raffe mich auf und fange langsam an, loszulaufen.

“Polizei, stehen bleiben.”

Etwa 500 Meter verfolge ich ihn geradeaus. Dann biegt der Unbekannte nach rechts in eine Gasse zwischen zwei Häusern ein. Ich tu es ihm gleich. Ein Meter vor ihm befindet sich eine ca. 2 Meter hohe Mauer. “Jetzt habe ich dich”, denke ich.

Doch statt stehen zu bleiben und sich brav festnehmen zu lassen, klettert er kurzerhand die Mauer empor und lässt sich auf der anderen Seite wieder fallen. Trotz mit Lebensmitteln vollgepacktem Rucksack.

Ich laufe auf die Mauer zu, mache einen Schritt dagegen, ziehe mich auf die Mauer und lasse mich ebenfalls auf der anderen Seite fallen. Dort kann ich noch gerade sehen, wie ein Bein hinter einer Ecke verschwindet.

“Jetzt…”, hechle ich.
“Jetzt… bleiben… sie doch… BITTE… stehen.”

Total erschöpft gehe ich zu der Ecke, wo der Flüchtige gerade noch zu sehen war. Dann bleibe ich stehen und beobachte die Situation.

30 Meter vor mir steht der Mann vor einem sehr heruntergekommen wirkenden Holzgebäude, dass mich ein wenig an die Hütte von der ärmlicheren Familie aus “Charly und die Schokoladenfabrik” erinnert. Am morsch aussehenden Holzzaun weht traurig ein einzelner roter Luftballon im kühlen Wind und darunter ein kleines selbst bemaltes Plakat mit der Aufschrift

“Happy Birthday Timi”

Der Flüchtige betritt die quietschende Veranda, klopft an der grauen Holztür und geht wieder einen Schritt zurück. Dann nimmt er seine Sonnenbrille vom Gesicht, steckt sie sich in seine linke Jackentasche und hält den Rucksack mit beiden Händen hinter seinem Rücken.

Dann blickt er sich kurz um und ich denke mich trifft der Schlag.

Der Mann, der Flüchtige…
Das ist der Springer von letztens.
Der Dieb ist Leon.

Ich will meinen Weg zu ihm gerade fortsetzen, um ihn zur Rede zu stellen, male mir schon aus, wie ich den Tatvorwurf formuliere, da öffnet sich die Tür von dem Haus und ich bleibe erneut stehen. Eine dünne Frau mit einem schmutzigen, aber ansonsten hübschem Kleid öffnet die Tür.

Leon holt den Rucksack hinter seinem Rücken her und gibt ihn der Frau. Weinend sackt sie zu Boden. Dann kommt langsam ein kleiner Junge mit einem Gips am linken Bein heraus. Mit kleinen Schritten und den Stützen humpelt er langsam auf Leon zu. Trotzdem strahlt er übers ganze Gesicht.

“LEEOOONNN”, ruft er so laut und freudig, dass selbst ich es aus der Entfernung verstehen kann. Dieser bückt sich und nimmt die warme und herzzerreißende Umarmung entgegen.

Was passiert hier gerade?

Dann löst sich der Junge von Leon und humpelt zurück ins Haus.

Leon geht einen Schritt auf die Frau zu, die sich noch immer mit dem Rucksack am Boden befindet, hilft ihr auf und sie gehen gemeinsam rein. Kurz bevor Leon die Tür passiert, treffen sich für eine unendlich wirkende Sekunde unsere Blicke.
Dann geht die Tür zu.

Überfordert mit der Situation bleibe ich noch eine Minute stehen und knibble mir die vereiste Träne von meiner Wange.

©️ Mathieu Swoboda