Gedanken einer Polizistin: Manches kriegt man weggepackt, manche Ängste bleiben

12. Dezember 2020 um 19:03

Gedanken einer Polizistin: Manches kriegt man weggepackt, manche Ängste bleiben10.12.2015

Habe Nachtdienst, kurz vor Feierabend, in den frühen Morgenstunden eine Nachricht in einer Whatsapp-Gruppe – ein Abschiedsbrief.

Fünf Minuten später vor Ort ein toter Kollege und seine Frau, ebenfalls tot. Zwei kleine Kinder, unverletzt.

Ich könnte nun erzählen, wie traurig es mich macht, dass er nicht mehr da ist.

Oder wie wütend, dass er seine Frau getötet hat.

Oder wie fassungslos, dass die beiden Mädchen ohne Eltern aufwachsen müssen, in der Gewissheit, dass ihr Vater dafür verantwortlich ist.

Oder nicht zu wissen, ob man in so einem Fall überhaupt Trauer zeigen darf.

Oder wie sich damals auf der Dienststelle die einen, bei denen die Trauer überwog und diejenigen, bei denen Wut überwog, einander unverstanden fühlten.

Aber ich möchte über etwas anderes sprechen, über etwas, dass ich vorher nicht kannte, was gekommen und geblieben ist:

Streifenpartner sind sich sehr nahe und so wusste ich auch, worüber er sich Sorgen machte, dass er vieles hoffnungslos betrachtete. Ich wusste, dass es ihm schlecht ging, dass eine Trennung bevorstand und er nicht wusste, wie es weitergehen soll.

Natürlich habe ich ihm gesagt, was ich darüber dachte, habe versucht ihn aufzubauen und zuversichtlich zu machen. Und ich weiß, dass auch andere das getan haben.

Letztlich hat es ihn nicht abgehalten.

Danach hörte man Sätze wie: “Wenn einer will, dann macht er es auch!” oder “Das hätte keiner verhindern können!” und eine ganz leise Stimme im Innern die fragt: “Und wenn doch?”

Was habe ich ihm gesagt? War da was dabei, was ihn vielleicht sogar ermutigt hat? Und was habe ich nicht gesagt und hätte ich es getan, hätte es vielleicht den Unterschied gemacht?

Und was hat er überhaupt alles gesagt? Waren da Andeutungen dabei, die ich nicht verstanden oder nicht ernst genommen habe?

Für ihn und alle Leidtragenden ist letztlich egal was ich gesagt und was ich nicht gesagt und was er gesagt und nicht gesagt hat. Und ob irgendwas überhaupt einen Unterschied gemacht hätte.

Aber die Angst, nicht zu erkennen, dass jemand nur einen Schritt vorm Fallen ist – die bleibt.

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Dieser Text stammt von Kollegin Tanja Horst von der Polizei Oldenburg, den wir aus ihrem Instagramprofil übernehmen durften.

 

Hinweis:

Wenn du dich traurig oder depressiv fühlst, du keine Lust mehr hast, vielleicht sogar am (Weiter-) Leben, dann wende dich bitte an Freunde oder Bekannte. Rede darüber, denn reden hilft und du fühlst dich nicht so alleine!

Für Polizisten gibt es die Polizeiseelsorge oder auch andere Stellen, die zur Verschwiegenheit verpflichtet sind. Ansonsten kannst du auch die Telefonseelsorge oder eine andere Beratungsstelle kostenlos und anonym anrufen. Telefonnummern und Links für Deutschland, Österreich und die Schweiz findest du hier bei uns im Blog.

Hinterbliebene, die einen Angehörigen nach einem Suizid verloren haben, erhalten beim Projekt Hilfe nach Suizid Unterstützung (nur online).

Unsere Gedanken zum Thema Suizid und dem Warum könnt ihr hier nachlesen.