Auf ein Wort: Ließen Polizistinnen ihre Kollegen bei einem Schusswechsel im Stich?

19. Januar 2021 um 19:50

Auf ein Wort: Ließen Polizistinnen ihre Kollegen bei einem Schusswechsel im Stich?Aktuell macht ein Vorfall aus dem vergangenen Jahr die Runde und sorgt unter den Kollegen, aber auch bei manchen Bürgern für Unverständnis. Wir möchten an dieser Stelle vor einer übereilten Aufregung warnen und etwas zu bedenken geben.

 

Was passiert war

Es war die Nacht zum 6. Mai 2020, als gegen Mitternacht eine Streife in Gevelsberg (Nordrhein-Westfalen) einen Mann kontrollieren wollte. Was zunächst wie eine ganz normale Personenkontrolle wirkte, eskalierte plötzlich, als der 36-jährige Mann das Feuer auf die Polizisten eröffnete.

Ein 28-jähriger Polizist wurde hierbei schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Während sein Kollege ebenfalls zur Waffe griff und das Feuer eröffnete, konnte der Mann flüchten und später in der Nacht durch Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) gestellt werden.

Als der 36-Jährige auch auf diese das Feuer eröffnete, konnte er von einem SEK-Beamten durch einen gezielten Schuss in den Oberschenkel angriffsunfähig gemacht werden. Dann erfolgte die Festnahme.

 

Was aktuell für Aufregung sorgt

Aktuell findet der Prozess vor dem Landgericht Hagen statt. Dem Angeklagten wir versuchter Mord vorgeworfen. Wie mehrere Medien berichten, sollen sich nicht nur zwei Polizisten, sondern auch zwei Polizistinnen in diesem Einsatz befunden haben. Letztere sollen, so die Berichterstattung, ihre Kollegen beim Schusswechsel nicht unterstützt haben, sondern geflüchtet sein.

Die beiden Beamtinnen seien hiernach in den Innendienst versetzt worden.

 

Was wir zu bedenken geben

Über die Gründe, warum die Polizistinnen ihren Kollegen nicht zu Hilfe kamen und stattdessen die Flucht ergriffen, können auch wir nur spekulieren. Die Aufregung in verschiedenen Polizeigruppen und auch bei manchen Bürgern in den sozialen Medien ist groß.

Eines dürfte klar sein: Seine Kollegen im Stich zu lassen ist ein absolutes No-Go! Wir müssen uns im Einsatz aufeinander verlassen können, im Ernstfall können Leben davon abhängen. Deswegen muss ein solches Verhalten auch Konsequenzen nach sich ziehen, die, wie beschrieben, offenbar auch ergriffen wurden.

Doch die Sache hat noch eine andere Seite. Wir Polizisten erlernen in Aus- und Fortbildung in Situations- und Einsatztrainings Handlungsweisen, die wir in solchen gefährlichen Situationen abrufen und damit handlungssicher bleiben. Das muss so sein und das ist auch wichtig.

So realitätsnah diese Trainings auch sein mögen, die Realität ist anders. Jeder Fall, jede Person mit der wir es zu tun haben, unterscheidet sich von allen anderen Einsätzen und Situationen, auch wenn sie sich noch so ähneln. Jeder Polizist erlebt eine Situation anders, bewertet das Erlebte unterschiedlich und kommt unterschiedlich mit dem Erlebten klar.

Und weil wir Polizisten eben auch „nur“ Menschen sind, kann es vorkommen, dass man, anstatt die erlernten und trainierten Handlungsweisen abzurufen, in den Instinktmodus umschalten. Der Instinkt lässt in einer solchen Gefahrensituation nur zwei Möglichkeiten: Angriff oder Flucht. Bei den Kolleginnen war es scheinbar die Flucht, die sie vorzogen. Vielleicht war es auch einfach nur Angst, wir wissen es nicht.

Es geschieht nicht zum ersten Mal, dass Polizisten ganz anders reagieren, wie man es von ihnen erwartet und wie sie es erlernt haben. Manchmal können sie nicht einmal erklären, wie es dazu kam. Die Vorwürfe und manchmal auch die Häme, die diese Kollegen dann zu ertragen haben, werden der Tatsache aber nicht gerecht, dass man in der Uniform auch Mensch ist und deswegen auch mal menschlich bzw. nach Instinkt reagiert.

Das soll keine Rechtfertigung sein, nur eine mögliche Erklärung. Für die beiden Kolleginnen hat sich ihr Dienst nun gravierend geändert. Vielleicht machen sie sich auch Vorwürfe, weil sie eben selbst wissen, dass ihr Verhalten falsch war. Ändern lässt es sich nun aber nicht mehr, der Instinkt siegte womöglich über den Verstand.

Bevor nun also in diversen Gruppen und sozialen Medien die beiden Kolleginnen auf dem Onlinepranger landen, sollte man unsere Ausführungen bedenken. Denn Polizist=Mensch!