Gedanken von Dieter (Polizist): “Es fehlt das Rückgrat”

24. Januar 2021 um 20:08

Gedanken von Dieter (Polizist): "Es fehlt das Rückgrat"Wenn wir Polizisten einen langjährigen Kollegen in seinen wohlverdienten Ruhestand verabschieden, dann kommt es vor, dass wir das standesgemäß machen. Mit Polizeifahrzeugen, Blaulicht und allem Drum und Dran. Und da gerade jetzt zur Pandemiezeit keine größeren Menschenansammlungen erlaubt sind, ist es in einem Fahrzeug besser, als nah beisammen zu stehen, auch wenn man es gerne würde.

So geschehen am vergangenen Mittwoch, als 17 Polizeimotorrädern, ein Sonderfahrzeug der Kölner Spezialeinheit und ein Wasserwerfer mit Blaulicht und Martinshorn von Brühl nach Euskirchen fuhren, damit die Polizisten einen Kollegen der Kölner Polizei (Nordrhein-Westfalen) in den Ruhestand verabschieden konnten.

Diese Kolonnenfahrt wird nicht folgenlos bleiben, da die Leiterin einer Kindertagesstätte bei der Polizei in Euskirchen angerufen und den Zweck der Einsatzfahrt hinterfragt hatte. In Absprache mit dem Innenministerium hat der Kölner Polizeipräsident gegen die Teilnehmer nun dienst- und strafrechtliche Ermittlungen angeordnet – inklusive Entschuldigungen des Polizeipräsidenten bei dem zuständigen Landrat und der Kita-Leiterin.

 

Hierzu haben wir dem Kommentar von Kollege Dieter erhalten, der seine Sicht auf den Vorfall darlegen möchten:

 

“Vorab, ich kenne den Kollegen nicht, auch keine anderen Beteiligten.

Da ist ein Polizeibeamter, der nach über 40 Dienstjahren mit den Mitteln, mit denen er tagtäglich zu arbeiten hatte, verabschiedet worden.

Ein Polizeibeamter, der über 40 Jahre seine Haut, seine Gesundheit und bestimmt auch einen großen Teil eigentlicher Freizeit an Wochenenden, wenn andere feiern oder mit der Familie unterwegs sind, eingesetzt hat, um die Sicherheit, die Strafverfolgung, die verbrieften (Demonstrations-) Rechte Anderer, die Lösung der Sorgen und Nöte Aller, die Erstaufnahme von Asylsuchenden, etc. etc. zu gewährleisten. Dabei hat er sicherlich auch massig Aufgaben anderer Behörden, sowie Sicherung von privaten Rechten, vorgenommen.

Wer weiß, wie viele Leben er gerettet hat, wie viel Gewalt er verhindert hat, wie viele Straftaten er geklärt hat. Und wenn er auch nur ein einziges Leben gerettet hat, eine schwerste Gewalttat verhinderte, dann hat er für diesen Menschen und für seinen Beruf genug getan.

Dieser Polizeibeamte ist wahrscheinlich gut angesehen und beliebt, ansonsten würden Kollegen sich nicht an der Verabschiedung in dieser Art beteiligen.

Ich wünsche ihm alles Gute.

Auf der anderen Seite ist eine (wahrscheinlich junge) Leiterin einer Kindertagesstätte, die wohl aus purer Neugier erfragen will, warum Polizei durch den Ort fährt, also ein persönliches Bedürfnis umsetzt.

Diese Frau sitzt in einem warmen Haus, ist umgeben von Kleinkindern, die (noch) unbedarft sind, zumindest nicht mit Waffen gegen einen vorgehen oder jemanden berauben, vergewaltigen, töten. Sie schaut aus dem Fenster, weil TatüüTataa vorbei rauscht, ruft sie an.

Einen Vorwurf, außer evtl. eine Form des Gaffertums, kann man ihr eigentlich kaum machen.

Einen Vorwurf kann man allerdings demjenigen machen, der diesen Anruf in Form vorauseilendem Gehorsams oder aber wegen Karrieredenken, im schlimmsten Fall wegen Anpetzerei/Denunziantentum (eigentlich wollte ich ein anderes Wort schreiben) weitergab.

Vorwurf kann man auch demjenigen machen, der daraus einen disziplinarrechtlichen und/oder strafrechtlichen Vorwurf machte.

Letztlich kann man auch dem Dienstherren einen Vorwurf machen, der nicht in der Lage war, sich vor (nicht hinter) seine Leute zu stellen und zu erklären, dass ein wohlverdienter Kollege angemessen in seinen wohlverdienten Ruhestand geleitet wurde.

Früher hätte man gesagt: “Es fehlt das Rückgrat”.

Zum Vergleich: In jeder Firma, in jeder politischen Institution, in allen höheren Ämtern (auch bei der Polizei) werden Rentner/Pensionäre gebührend, zumeist mit einem rauschenden Fest, in Ministerien und bei höheren Ämtern unter Bezahlung durch Mittel der öffentlichen Hand, verabschiedet.

Der Polizist muss bis zum letzten Tag seinen Dienst versehen, erhält eine genaue Stundenabrechnung mit dem rechtlichen Hinweis, dass Überstunden mit dem Eintritt der Pension verfallen, muss Rechenschaft bei der Abgabe der Ausrüstung über den Verbleib seiner dienstlichen 35 Jahre alten Taschenlampe mit Farbschieber geben, diese evtl. auch noch bezahlen.

Seinen Ausstand, sofern er denn einen gibt, begleicht er auch aus eigener Tasche.

Was erhält er? Evtl. ein Foto mit Unterschriften seiner Einheit, eine dicke Pappe mit Entlassurkunde, einen feuchten Händedruck … und einen Tritt in den Allerwertesten.

Somit sei dem Kollegen gegönnt, zumindest mit einer gebührenden Eskorte in den Ruhestand geleitet zu werden.

(Just my two pence)”

 

Dieser Kommentar gibt die Meinung des uns persönlich bekannten Autors wieder, den wir uns alleine durch die Veröffentlichung nicht zwingend zu eigen machen.