Mit den Kollegen auf Streife: Schamlose Pressevertreter

26. März 2021 um 20:18

Mit den Kollegen auf Streife: Schamlose Pressevertreter

„Moin liebes Polizist=Mensch-Team,

normalerweise bin ich hier nur stiller Mitleser und MeinenTeilDenker. Ich bin Polizeibeamter und möchte nun doch ein paar Gedanken teilen oder loswerden.

Es kam im Dienst zu einem sehr sehr traurigen Einsatz für alle, weit über 100 beteiligte Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, DLRG und wer nicht noch alles dabei war.

Vielen Dank an jeden Ehrenamtler!

 

Zwei kleine Kinder sind in einem bis zu 7 m tiefen Teich verschwunden. Es war klar, dass sie da drin sein müssen, weil man sie hat untergehen sehen. Keine 5 Minuten nach Alarmierung waren die ersten Kollegen der Feuerwehr (keine Taucher oder Rettungsschwimmer) mit Boxershorts im Wasser und haben blind nach ihnen gefischt. Sie sind erst gegangen, als die Taucher kamen.

Weitere Teams aus Feuerwehr und Polizei sind direkt in Teams ausgeschwärmt um den dicht bewachsenen Teich am und vom Ufer aus abzusuchen. Der Hubschrauber kam sehr sehr schnell, Taucher und Boote waren keine 15 Minuten später im Wasser und suchten überall.

Um die völlig aufgelösten Angehörigen kümmerten sich Kollegen und Seelsorger so gut es ging, fernab der Einsatzstelle, damit keiner stört. Es gab keinen Fleck um den Teich an dem keine Einsatzkraft stand.

 

Und dann gabs die Presse…

Noch bevor die ersten Suchteams (keine 5 Minuten nach Alarmierung) unterwegs waren, da kamen Kameraleute und Fotografen wie die Geier. Sie liefen zwischen den Einsatzkräften rum, fragten nach Infos.

Ich habe einen in meiner Funktion als Beamter angesprochen und nach seiner ‚Mission‘ gefragt. Er meinte nüchtern: ‚Bin Presse‘. Nun weiß ich, dass die Presse eine geradezu unverschämte Freiheit genießt im Bezug auf Bewegungsfreiheit an Einsatzorten, jedoch war er hier gerade einfach störend. Ich sagte ihm, dass es noch sehr früh sei und er sich bitte zurückhalten möge und niemandem im Weg stehen solle.

Er erwiderte trocken: ‚Jaja ich kann schon schwimmen‘. Ekelhaft!

 

Ich machte mich mit der Kollegin auch auf am Ufer zu suchen und stieß nach ca. 150 m wieder auf den Mann. Er hatte sich mittlerweile an einer unbewachsenen Stelle eingerichtet. Mit Stativ und teurer Videokamera verfolgte er Hubschrauber, Schwimmer und und und… alles für gute Bilder.

Nach erfolgloser Suche meines Teams, gingen wir in die Absperrung über. Die Angehörigen waren bei uns in unmittelbarer Nähe zum Einsatzort, konnten dennoch nichts sehen oder hören, außer dem Hubschrauber. Bange Stunden ohne Information warteten auf sie. Durch unsere Absperrung kamen nur Einsatzkräfte und kühle, teilnahmslose Vertreter der Presse.

Nach langer Zeit kam traurige Gewissheit über den Verbleib der Kinder. Beide wurden geborgen, beide leblos.

 

Ein Kollege berichtete mir, wie Vertreter der Informationsbeschaffungsbranche sich für diesen Moment, als die Kinder aus dem Wasser geholt wurden, geradezu aufgereiht haben, um das beste und dramatischste Bild zu schießen.

Notärzte taten was sie konnten, Betroffenheit machte sich unter allen Einsatzkräften breit. Und die Angehörigen wussten noch nichts. Der Einsatzleiter machte sich Gedanken, wie man es am schonensten beibringen kann, dass zwei Kindern abends nicht mehr bei ihrer Mutter sitzen würden.

Und dann… lokale Medien berichten bereits auf Social Media und der eigenen Homepage von 2 toten Kindern. Der Ort stimmt, die Zeit ist aktuell, es sind sogar dramatische Bilder drin… nur die Eltern hatten noch keine Möglichkeit es vom Einsatzleiter zu erfahren.

Es ist lediglich dem Umstand zu verdanken, dass in dieser Situation keiner der Angehörigen Lokalmedien liest, dass die Eltern die traurige Botschaft fairerweise von den Menschen erfahren, die ALLES getan haben um die Kinder zu finden. Und nicht aus dem Klatschblatt um die Ecke.

Die Bilder aus den Artikeln waren zufällig aus der Perspektive, wo zu Beginn der Suche noch der Kameramann stand, der schwimmen kann.

 

Die Absperrungen wurden nach und nach gelöst und dann kamen die letzten Fotografen von der Unglücksstelle. Sie machten noch ein paar Bilder in unserem Rücken und… fragten, ob wir uns nicht nochmal cool aufstellen könnten für ein Bild.

BITTE WAS? Reicht es nicht?

Ich habe mal von nem Pressekodex gehört. Wo blieb hier die Ehre, Rücksicht und Dramaverzicht? Wo blieb der Schutz von Angehörigen? Die Presse hatte mir ihre widerlichste Seite gezeigt.

Ich habe in den Richtlinien der Presse etwas recherchiert und gleich 3 Punkte gefunden, in denen man Vorwürfe machen könnte. Leider sind es selbstauferlegte Richtlinien und keine Gesetze. Ein Fehlverhalten ist hier ohne Konsequenzen.

 

Und so bleibt die Verständnislosigkeit. Es sind nur wenige schwarze Schafe in der Presse, bei weitem nicht jeder. Aber diese Wenigen schaden dem Ansehen durch Dreistigkeit und Geldgeilheit.

EKELHAFT, schämt euch, die ihr euch wiedererkennt!

 

 

Der Kollege ist uns namentlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben. Und wie er schon richtig feststellt, kann man dieses Verhalten nicht verallgemeinern. Deswegen bitten wir darum, in den Kommentaren unsere Seitenregeln und die Netiquette zu beachten. Danke!