Nachdenkliche Geschichte von Kollege André: Den Schrei vergaß ich nicht

20. März 2021 um 19:41
Nachdenkliche Geschichte von Kollege André: Den Schrei vergaß ich nicht

Bild und Text: Polizei Recklinghausen

Unser Kollege André möchte Ihnen heute eine Geschichte aus seinem Arbeitsalltag erzählen. Es ist eine traurige Geschichte, aber leider ist sie genau so passiert…

 

„Kurz nach meiner Ausbildung hatte ich einen Einsatz, der mich noch Monate beschäftigen sollte…

Wir suchten eine junge Frau, die mit Selbstmordgedanken aus einer Einrichtung abgängig war. Als wir die Frau gefunden haben, habe ich sie angesprochen. Ich schaute ihr in die Augen und sah zum ersten Mal in meinem Leben eine gebrochene Seele. Ich konnte ihren Schmerz förmlich spüren.

Ich fragte die junge Frau, warum sie sich das Leben nehmen möchte. Sie sagte mir, dass sie in ihrer frühen Kindheit sexuell missbraucht wurde. Und dann stellte sie mir eine Frage, auf die ich keine Antwort hatte. „Warum werde ich eingesperrt und er ist frei?!“
Ich war sprachlos und das passiert mir eigentlich nie.

In der Zeit, in der wir auf einen Krankentransport warteten, griff sie nach meiner Hand. Sie flehte mich mehrfach an, sie zu erschießen. Ich hatte so etwas noch nie erlebt. Mein Job ist es, Menschen zu helfen und nach wenigen Wochen stieß ich bereits an meine Grenzen. Da war es, das Gefühl, das ich so hasse: Ohnmacht!

Als der Rettungsdienst eintraf hielt sie noch immer meine Hand. Sie bat mich, mit ihr ins Krankenhaus zu fahren und das tat ich. Ihr war so viel widerfahren, da wollte ich ihr nicht den Halt nehmen, den sie scheinbar in meiner Hand fand. Vier Krankenschwestern waren nötig, um ihre Hand von meiner zu lösen. Sie schrie meinen Namen und flehte mich an, bei ihr zu bleiben.

Den Schrei vergaß ich nicht. Neun Monate lang hörte ich ihn, bekam Alpträume. Ich redete mit niemandem über den Vorfall… Irgendwann nahm mich ein Kollege im Dienst an die Seite und fragte mich, was los sei. Ich konnte ihm die Geschichte erzählen. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.“

 

Bei dieser dienstlichen Geschichte von Kollege André sieht man wie wichtig Einsatznachsorge ist und zum Glück gibt es diese Angebote heutzutage, sei es der Kollege, die Polizeiseelsorge, das polizeiliche Kriseninterventionsteam oder der psychologische Dienst.