Auf Streife mit Michael Birkhan: Ärztliche Hilfe

3. April 2021 um 18:46

Auf Streife mit Michael Birkhan: Ärztliche Hilfe“Sind wir hier heute die Alleinunterhalter oder was? Seid fast drei Stunden kurven wir von einem Einsatz zum Nächsten. Ich habe einen Brand wie eine Bergziege. Meine Zunge klebt am Gaumen. Das man bei uns nicht mehr zum Essen kommt, ist ja nichts Neues. Aber ein Schluck feuchtes wäre jetzt nicht schlecht. Zum Glück riecht es im Wagen nach Veilchen.”

Brummend kurbelt Jürgen die Scheibe vom Streifenwagen herunter. Der Geruch nach Urin, Schweiß, Alkohol uund Erbrochenes lässt sich kaum vertreiben. Obwohl er schon in der Zelle pennt, begleitet uns der Obdachlose so weiter auf Streife.

Spätdienst an einem drückend heißen Sommertag. Verzweifelt versucht der Funksprecher seine Einsätze über den 4m-Kanal loszuwerden. Die Wache meldet sich über 2-Meter-Funk:

“Was treibt ihr eigentlich die ganze Zeit? Hört ihr den Funk nicht mit? Hier stapeln sich die Einsätze und ihr pflückt Blumen.”

Jürgen zieht die Augenbrauen hoch und erwidert: “Ich weiß schon jetzt, wer gleich als nächster in der Zelle landet.”

Als ich auf dem Fahrersitz hin und her rutsche blickt mich mein Streifenpartner irritiert an. Ich erkläre ihm meine Beweggründe:
“Seid fast einer Stunde muss ich für kleine Königstiger. Wenn wir nicht bald die Burg anlaufen pinkele ich in den Fußraum.”
“Das ist ja bei Dir nichts Neues.”

 

Der nächste Einsatz: “Angesehener Geschäftsmann verprügelt Ehefrau. Die Nachbarn haben angerufen. Soll nicht das erste Mal sein.”

Wir klingeln. Wieder Veilchenduft. Abfällig erklärte er: “Handlanger und Büttel betreten mein Domizil nicht. Das was ich in einem Jahr an Geld mache, verdienen sie beide im ganzen Leben nicht. Ihren Polizeipräsidenten und den Bürgermeister kenne ich persönlich. Ihre Kariere ist schneller beendet, als sie glauben und jetzt raus hier. Meine Frau ist die Treppe heruntergefallen. Mit kleinen unbedeutenden Staatsbütteln unterhalten sich weder meine Frau noch ich.”

Gewohnt, dass seine Worte befolgt werden, wird er rasend, als er damit bei uns nicht landen kann. “Wir wollen mit ihrer Frau sprechen.” Die Gemahlin taucht auf dem polierten Marmor im Flur auf. Sie zittert. Die Augen geschwollen. Sie weint. Versucht ihr Gesicht zu verdecken.

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als Herr Einflussreich fixiert mit der Wange am kühlen Marmor ist. Er schreit. Seine Stimme überschlägt sich: “Hilfe. Polizeibrutalität. Das wird ein Nachspiel haben. Holen sie sofort den Bürgermeister und den Polizeipräsidenten ans Telefon. Ich werde sie beide aus dem Polizeidienst entfernen lassen. Sie haben ja keine Ahnung, mit wem sie sich anlegen. Sie betreten nicht mein Haus.”

“Wetten doch?”, lacht Jürgen. “Bestellen sie dem Bürgermeister und dem Polizeipräsidenten einen schönen Gruß von uns. Bezüglich unseres Gehaltes muss ich ihnen allerdings Recht geben. Für diesen Scheiß verdienen wir wirklich zu wenig.” Wir setzen unseren Weg ins Haus fort.

Die Ehefrau hört auf zu weinen. Einen Arzt will sie nicht. Sie entschuldigt sich für das Verhalten ihres Gatten.

“Ich danke ihnen meine Herren. Seien sie bitte vorsichtig. Mein Mann hat wirklich Macht und Einfluss. Er war nicht immer so. Wir stehen in der Öffentlichkeit und mit einem Skandal ist niemanden geholfen. Schreiben sie in ihren Bericht bitte, dass meine Verletzungen von einem Treppensturz handeln. Das ist besser so.”

Genau das werden wir neben der Beschreibung ihrer Verletzungen in unseren Bericht schreiben. Das triumphierende Schlusswort gewähren wir unserem angesehenen Schläger. “Die Anzeige wird sowieso eingestellt. Ich werde mich beschweren.”

 

Ein Arzt hätte eh nicht kommen können. “Personal im Krankenhaus wird von geistig verwirrtem Patient bedroht. Messer im Spiel.” Durst und Blase muss warten.

Blaulicht, Martinshorn, quietschende Reifen, das volle Programm eben, auf zum Krankenhaus. Sprint in die Aufnahme. “Welche Etage?” “Ganz oben. Hinten links”, ruft uns der Pfleger hinterher. “Das war ja wieder mal klar. Schutzmannparterre. Wie immer.”

Jürgens Antwort kommt prompt: “Wundert dich das noch Kleiner? Schon mal von Murphy’s Law gehört? Alles geht schief was nur schief gehen kann.”
Endlich oben.

Auf einer Bahre liegt der Täter zum Paket verschnürt. Er blickt uns mit einem weit aufgerissenen Auge an. Das zweite ist zu geschwollen. Hatten wir doch erst gerade. “Hilfe. Hilfe. Retten sie mich vor dem Mann. Der Arzt hat mich misshandelt. Der hat mir ein blaues Auge gehauen? Der Typ ist ein Killer.”

Hinter der Bahre steht der Chirurg. Bärtig, tellergroße Hände, einsfundundneunzig. Bis Brusthöhe eingerahmt von zwei Krankenschwestern. Das Trio gleicht Kindern, erwischt beim Kekse klauen aus Muttis Dose.

“Entschuldigung. Was sollte ich den tun? Der Patient hat die Krankenschwestern angegriffen. Ich wollte ihn nur festhalten. Er schlug nach mir. Da wusste ich mir nicht anders zu helfen.”
Nur mit Mühe gelingt es uns den Sachverhalt mit dem gebührenden Ernst aufzunehmen.

Diese Frage konnte ich mir beim Gehen nicht verkneifen: “Doc. Wenn wir bei der nächsten Kneipenhauerei in Bedrängnis geraten sollten, können wir dann auf sie zurückgreifen?” Das Trio steht mit Unschuldsmiene hinter der Bahre.

Das verschnürte Paket kann lediglich Kopf und eine Hand bewegen.
Beim Fahrstuhl werfen Jürgen und ich einen Blick zurück. Alle vier winken uns zum Abschied.

 

Runter geht’s im Fahrstuhl. Wir können nicht mehr an uns halten. Ich lache soviel Tränen, dass sich die Sache mit dem Toilettengang von selbst erledigt hat. Der Beschwerde beim Polizeipräsidenten konnte ich so erleichtert entgegen sehen.

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Dieser Bericht von Michael Birkhan ist zuerst bei den Polizei-Poeten erschienen.