Gedanken der Schwester eines Polizisten: Es ist wie ein Rollentausch

30. Mai 2021 um 19:03

Gedanken der Schwester eines Polizisten: Es ist wie ein Rollentausch

„Vor 2 Jahren hat mein Bruder sein Studium bei der Polizei abgeschlossen und ist seitdem im Polizeidienst tätig. Er ist der Jüngere von uns beiden und seitdem er zur Polizei gefunden und das Studium durchlaufen hat ist er nicht mehr der ‚Jüngere‘ von uns.

Er hat so eine starke und selbst bewusste Persönlichkeit entwickelt und ist in dieser Zeit gefühlt um zehn Jahre älter geworden. Ich finde es beeindruckend wie sehr die Persönlichkeit geprägt und das Selbstbewusstsein gestärkt wird.

Plötzlich steht der ‚kleine‘ Bruder, den ich bisher beschützt habe, für den ich da war und ihn vor allem Schlechten bewahren wollte als Polizist vor mir und es ist wie ein Rollentausch. Jetzt steht er mit seiner Berufsgruppe für Schutz, Stärke, Sicherheit und was noch dazugehört.

Anfangs ein gewöhnungsbedürftiges Gefühl und ziemlich berührend. Doch irgendwie hat es das Geschwisterband, das Gefühl ‚Wir sind füreinander da‘ noch enger zusammengeschweißt, obwohl es zuvor schon immer eine riesige Geschwisterliebe war.

Sein Dienst für die Polizei ist zu seiner Berufung geworden. Und das ist worauf dieser Text aufbauen soll. Das ist was mir den Impuls gegeben hat diese Wort zu schreiben. DENN ICH MÖCHTE DANKE SAGEN.

Trotz aller Liebe, Begeisterung, Leidenschaft und Faszination für den Polizeiberuf mit dem jeder oder die meisten Polizeibeamten, egal ob Schutzpolizei, Kriminalpolizei etc., ihren Dienst antreten und ausüben, muss die Polizei so viel Frust erleben und Enttäuschung wegstecken. Die Polizei handelt nach den Gesetzen und greift ein, wenn Straftaten passieren. Nimmt Anzeigen und Verkehrsunfälle auf.

Doch wie die Verfahren dann ausgehen, wie die Staatsanwaltschaft dann über die Vorfälle entscheidet ist so oft frustrierend, denn lass es 60% sein… 60% die, nachdem die Polizei ihren Dienst getan hat, wieder auf freien Fuß kommen. Teilweise nicht einmal auf Bewährung oder mit einer Freiheitsstrafe.

Das Strafmaß wird so häufig heruntergestuft, weil so ‚einfache‘ Details in den Augen der Staatsanwaltschaft dann die schwere der Tat widerlegen. Besonders frustrierend finde ich solche Entscheidungen, wenn es um schwere Körperverletzung geht und man Fälle mal gegenüber stellt.

Ein Mann, der seine Frau mit bis zu acht Messerstichen im Brustkorb in der eigenen Wohnung verletzt und dann den Rettungsdienst ruft bekommt nur eine Freiheitsstrafe wegen schwerer Körperverletzung, weil es laut Staatsanwaltschaft nicht als versuchter Totschlag gilt, denn er hat den Rettungsdienst alarmiert.

Und weil er damit gezeigt hat, dass er Hilfe gerufen hat wollte er ja nicht, dass seine Frau stirbt. Er wollte sie nicht umbringen. Er hat dem Rettungsdienst gegenüber angegeben, dass er seine Frau verletzt in der Wohnung vorgefunden hat und natürlich war schnell klar, dass er der Täter ist.

Die Staatsanwaltschaft hat keinen Haftbefehl erlassen, weil die Frau auf der Intensivstation liegt und somit in Sicherheit vor ihrem Mann ist. Der Mann darf einen Tag nach der Tat wieder in seine Wohnung, einkaufen gehen, am alltäglichen Leben teilnehmen. Der Mann, der gestern noch versucht hat seine Frau zu töten ist am Tag darauf wieder mitten im Leben.

Was denken da die Angehörigen (der Frau)? Wo ist da Gerechtigkeit? Die Polizei handelt nach den Gesetzen und die Staatsanwaltschaft stuft es herab und das Strafmaß ist nur schwere Körperverletzung. Und dann ist da jemandem der einer Person einige Knochenbrüche zufügt und das gleiche Strafmaß ’schwere Körperverletzung‘ gilt.

Es gibt noch so viele andere Beispiele die zum Aufzählen die Textlänge sprengen würden. ICH MÖCHTE DANKE SAGEN, dass die Polizei ihren Dienst trotzdem macht und immer wieder nach den Vorgaben handelt, ohne zu wissen wie ‚erfolgreich/fair‘ das weitere Verfahren ausgehen wird.

ICH MÖCHTE DANKE SAGEN, dass die Polizei ihren Dienst trotzdem macht, obwohl so viel Gewalt und Widerstand gegen Polizeibeamte geleistet wird.

ICH MÖCHTE DANKE SAGEN, dass die Polizei ihren Dienst macht und dabei ihre persönlichen Eindrücke zurückstellt und eine ‚Scheißegal-Einstellung‘ entwickeln muss, weil man sonst kaum das Durchhaltevermögen und die Motivation behalten kann dieser Berufung weiterhin mit Leidenschaft und Faszination nachzugehen.

Der Polizei wird so wenig Anerkennung und Dankbarkeit entgegengebracht. Natürlich gibt es auch so viele positive Seiten und Erfahrungen. Aber ich möchte aus der Sicht der Schwester eines Polizisten erzählen und sage:

DANKE 110. Kim“