Umfangreiche Ermittlungen und Festnahme: Tatverdächtiger hinter NSU 2.0 ist kein Polizist

4. Mai 2021 um 20:12

Umfangreiche Ermittlungen und Festnahme: Tatverdächtiger hinter NSU 2.0 ist kein PolizistSeit zwei Jahren bereits wird darüber spekuliert, wer hinter den ausländerfeindlichen Schreiben stecken könnte, die als NSU 2.0 bekannt wurden. Lange galten Polizisten als mögliche Täter, weil Daten von Polizeicomputern abgefragt wurden, die später verwendet wurden. Nun ist klar, tatverdächtig ist kein Polizist.

 

Seit August 2018 wurden 133 Drohschreiben versandt, die volksverhetzenden, beleidigenden und drohenden Inhalte haben. Im Rahmen der Ermittlungen konnten 115 dieser Schreiben dem Tatkomplex NSU 2.0 zugerechnet werden, die anderen Schreiben stammen von Trittbrettfahrern.

Die Schreiben wurden anfangs per Fax, später als Email versandt. Eine Rückverfolgung der Verbindungsdaten führte nicht zum Erfolg, so dass nun in den fast zwei Jahren eine Mischung aus klassischer Ermittlung, intensiver Internetrecherche und linguistische Gutachten zum Erfolg führten.

Wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main und das Hessische Landeskriminalamt mitteilen, seien gestern die Räumlichkeiten des Tatverdächtigen durchsucht und der Tatverdächtige selbst wegen eines Haftbefehls festgenommen worden.

 

Es soll sich um einen „53-jährigen erwerbslosen Mann deutscher Staatsangehörigkeit“ handeln, der der Polizei und der Justiz kein Unbekannter ist. Er wurde schon wegen zahlreicher Straftaten, darunter auch rechtsmotivierte, rechtskräftig verurteilt. Im Rahmen des Tatkomplexes NSU 2.0 werde nun wegen Verdachts der Volksverhetzung, des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, der Bedrohung und Beleidigung gegen ihn ermittelt.

Wie mehrere Medien außerdem berichten, sei der Festgenommene im Darknet in mehreren rechtspopulistischen Foren aktiv gewesen. Durch die Internetrecherche seien die Ermittler ihm auf die Spur gekommen, weil dort getätigte Aussagen mit Inhalten der Drohschreiben übereinstimmten. Wissen, das so nur der Täter selbst haben konnte.

 

Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main und das Hessisches Landeskriminalamt halten in ihrer gemeinsamen Erklärung ganz klar fest: Der Tatverdächtige „war zu keinem Zeitpunkt Bediensteter einer hessischen oder sonstigen Polizeibehörde“.

 

Viele werden sich nun fragen, wie die Abfragen im Polizeicomputer da hinein passen. Auch dafür haben die Ermittler eine mögliche und logische Antwort: Fingierte Anrufe bei Behörden und Unternehmen.

Womöglich rief der Festgenommene bei Einwohnermeldeämtern oder Polizeidienststellen an, gab sich als Polizist oder anderweitiger Staatsbediensteter aus und forderte im Beamtendeutsch die Herausgabe von Informationen. Ein solcher Anruf ist zum Beispiel bei der Redaktion der taz eingegangen und belegt.

Der Anrufer forderte Informationen über eine dortige Kolumnistin und diese erhielt dann später ein Drohschreiben vom NSU 2.0. Zudem ist der in Berlin Festgenommene der Polizei und der Justiz in der Vergangenheit mehrfach wegen Amtsanmaßung aufgefallen.

Hierzu laufen die Ermittlungen aber noch und es ist wohl damit zu rechnen, dass auch die Auswertung der sichergestellten Beweismittel noch einige Informationen zutage fördern werden.

 

Es freut uns, dass sich einerseits unser Verdacht bestätigt hat, dass es sich bei dem Tatverdächtigen nicht um einen Kollegen handeln kann, andererseits aber auch, dass die Ermittlungen endlich zum Erfolg geführt haben und der Schreiber festgenommen werden konnte.

Hoffentlich können die Opfer nun wieder zur Ruhe kommen, in dem Wissen, dass der Täter aus dem Verkehr gezogen wurde.