Gedanken eines Polizisten: „Wording“ – oder: Die Vermeidung von Wahrheiten

10. Juli 2021 um 19:16

Gedanken eines Polizisten: "Wording" - oder: Die Vermeidung von WahrheitenEs ist kein neues Phänomen mehr. Schon seit langer Zeit gibt es in dieser „neuen“ Welt, in der Minderheiten mit ihren Befindlichkeiten gefühlt den Rest der Welt dominieren, Dinge, die nicht mehr gesagt oder geschrieben werden dürfen. Und da rede ich nicht von „Schwarzfahrern“ und möglicher Diskriminierung.

Ich denke, das ist die richtige Stelle vorab klarzustellen, dass ich – natürlich – niemanden diskriminieren möchte! Weder eine Minderheit (was ich wertfrei meine), noch sonst irgendjemanden.

Angefangen hat das Ganze gefühlt schon vor einigen Jahren, seit in der einen oder anderen Talkshow im Untertitel der/die Arbeitslose grundsätzlich nur noch als „arbeitssuchend“ bezeichnet wurde. Und ich bin sicher, dass einige dieser Personen eben NICHT nach Arbeit suchten. Aber selbst wenn: Arbeitslos sind sie dann trotzdem, ob sie suchen oder nicht.

 

Um aber langsam zum polizeilichen Bezug zu kommen:

Dieses „positiv reden“ und polizeilich vor allem „verharmlosen“ hat sich über die Jahre hinweg weiter entwickelt, sodass mittlerweile leider auch die Polizei sich an „Wording“ Vorgaben hält/halten muss.

Die hierbei verwendeten Ausdrücke entbehren oft jeglicher Realität und sind schlicht und einfach ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die, teilweise seit vielen Jahren, ihren Körper, ihre Gesundheit und vor allem auch ihre Seele für den Dienstherrn/das Land/diese Gesellschaft hinhalten!

 

Erinnern wir uns kurz an letztes Jahr, die „Demonstrationen“ für den Dannenröder Forst:

Hier seilten sich manche Individuen von Brücken über Autobahnen ab. Unter Inkaufnahme der Gefährdung von Menschenleben oder zumindest auch erheblichen Sachwerten. (Ein in der Folge entstandener Unfall wurde medial bekannt.)

Es wird/wurde vielfach durch diese „Demonstranten“ versucht, eigene Ziele gegen jeden Widerstand (auch mit Gewalt) durchzusetzen. Über die unzähligen unmittelbaren Angriffe gegen Polizeibeamte und Institutionen, unter gleichen Voraussetzungen, will ich gar nicht erst reden.

Hierbei wurden teilweise Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit begangen, die rechtlich bis zu versuchtem Totschlag eingestuft wurden! Nun ja. In den Medien und auch polizeilich wurden diese – einigen wir uns hier auf die Bezeichnung „Straftäter“? – lediglich als „Aktivisten“ oder „Umweltaktivisten“ bezeichnet.

Danke für diese absolut lächerliche Verharmlosung, die den reellen Taten nicht annähernd gerecht wird!

 

Mein persönliches aktuelles Highlight – und der Grund dieser Zeilen – ist aber ein Artikel der „Polizei Frankfurt am Main“:

Diese berichtete vor wenigen Tagen medienwirksam formuliert in den sozialen Medien von „150 Menschen“, bei denen „als die Beamten dort vorbeifuhren“ „die Stimmung aufgeheizt schien“. Kurz später „… flogen Flaschen auf das Einsatzfahrzeug.“
Danach steht geschrieben: „Verletzt wurde glücklicherweise niemand.“

Wie benennt man heute aber solche Personen angemessen?

Ich hätte diverse persönliche Ideen, die aber nicht hierher gehören.
Also versuche ich es mit angemessenen Bezeichnungen:

„Randalierer“?
„Chaoten“?
„Straftäter“?

Ich fände in Gänze so etwas wie „Respektlose, gesellschaftsverachtende jugendliche Straftäter“ halbwegs brauchbar. Aber Nein. Mitnichten!

Heutzutage werden diese Personen wie folgt VON DER POLIZEI bezeichnet:

 

Wenn das die Interessengemeinschaft für jugendliche Randalierer so formuliert hätte, okay. Wenn der Anwalt einer dieser Idioten das so formuliert hätte, okay. Aber die Polizei??

Kurz später sucht eben diese Polizei Zeugen wegen „Landfriedensbruchs und der Sachbeschädigung bzw. der Zerstörung wichtiger Arbeitsmittel“.

Da frage ich mich, warum sich Zeugen für eine „jugendliche Dummheit“/einen „kleinen Streich“ melden sollten. Nur weil jemand einen Klingelstreich spielt, werden ja auch keine Zeugen gesucht, oder? Aber gefühlt bewegen sich diese Taten verbal ungefähr auf diesem Niveau.

Und die Erfahrungen der vergangenen Zeit zeigt, dass solche Individuen die Flaschen auch auf Polizeibeamte in persona (ohne schützenden Streifenwagen drum herum) werfen!

 

Warum schreibe ich diesen langen Text?

Ich möchte – INSBESONDERE AN DIE POLIZEI – einfach nur mal appellieren, dass man Probleme und problematische Personen – und ja: Bei Bedarf auch Personengruppen! beim Namen nennen darf UND SOLLTE!

Diese Bagatellisierung von Straftätern ist eine absolute Lächerlichkeit und Frechheit gegenüber allen Kollegen, die „draußen“ ihren Dienst tun!
Und das tun viele gegen alle Widerstände und Unwägbarkeiten und immer mit dem Gefühl, dass man beim kleinsten Fehler keinerlei Rückhalt durch den eigenen Dienstherrn erhält und stattdessen lieber jedem Bürger und allem Medien „zum Fraß vorgeworfen“ wird!

Quasi in einem Satz für die gleichen Individuen die Bezeichnung „Straftäter“ und „erlebnisorientierte Jugendliche“, abhängig von der Zielgruppe in den Medien, zu verwenden zeugt von desaströser Unehrlichkeit und genau dieser Hinterhältigkeit der Polizei gegenüber den Kollegen. Ein Vertrauensverhältnis kann auf einer solchen Basis nicht existieren.

Für mich persönlich das Unwort, bzw. die „Unbezeichnung“ des Jahres 2021!

 

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Der Kollege ist uns persönlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben. Diese Zeilen geben die Meinung des Autors wieder, die wir uns durch die Veröffentlichung nicht zwangsläufig zu eigen machen.

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