Aus dem Buch „Blueline Familys“: Auslandseinsatz

20. August 2021 um 20:13

Aus dem Buch "Blueline Familys": AuslandseinsatzAuch wenn der Afghanistaneinsatz für die deutschen Polizeien zu Ende ist, werden dieser Tage für viele Polizisten, die dort im Einsatz waren, und deren Angehörige Erinnerungen wach. Und man stellt sich die Frage, wofür man sich dort eingesetzt oder wofür man die Strapazen durchgemacht hat. Hier ein Bericht der Frau eines Polizisten aus diesem Einsatz:

 

Mein Freund war für ein Jahr in Kabul, Afghanistan, eingesetzt und hatte dort die Ausbildung der afghanischen Polizei unterstützt. Das Projekt gab es schon seit vielen Jahren. Die Bundesrepublik Deutschland hat regelmäßig Polizisten dort hingeschickt.

Immer wieder hat mein Freund mir klar gemacht, er wollte unbedingt etwas bewirken, irgendwo mitwirken, wo er auch was bewegen kann. Er ist in Deutschland schon einige Schritte auf der Karriereleiter nach oben geklettert, und doch liebte er seine ganz eigene Grenzerfahrung. Sein innerer Antrieb, seinen persönlichen Beitrag leisten zu können, ist ihm besonders wichtig.

Da er in seiner Freizeit am liebsten reist, war ein Auslandseinsatz für ihn am naheliegendsten. So konnte er seinen inneren Wunsch mit dem Kennenlernen fremder Länder vereinen. Als er dann aufbrach, um diesem neuen Abenteuer zu begegnen, war das alles andere als leicht für uns und unsere Beziehung.

Die Zeit, die er sich dann im Auslandseinsatz befand, habe ich versucht so wenig wie möglich an mich heranzulassen. In mir tobte es wie ein Wirbelsturm. Er war so weit weg und ich hätte keinerlei Chance gehabt, ihm zu helfen. Egal, was dort geschah, er musste da ohne mich durch. Ein Gefühl der Ohnmacht legte sich lähmend über mich. Deshalb habe ich dafür sorgen wollen, so wenig wie möglich davon mitzubekommen, was auch immer dort geschah. Ich hätte ihm nicht helfen können, selbst wenn ich wollte. Es gab keine andere Möglichkeit, als abzuwarten.

Die große Belastung, die es für mich bedeutete, spiegelte sich in meinem restlichen Leben dieses Jahres wider. Ich war gestresst. Sowohl beruflich als auch privat, war ich voll und ganz ausgelastet. Dazu noch etwas von den Herausforderungen meines Mannes mitzubekommen, wäre zu viel gewesen. Ich musste auch mich selbst schützen. Die Last, die auf mir lag, hätte mich sonst unter sich begraben. Meine Tage waren so vollgestopft, dass wie eine Wohltat meine Gedanken an ihn für eine Weile Ruhe fanden.

Seit Beginn unserer Liebe hatten wir eine Fernbeziehung geführt. Zumindest das hatte sich nicht verändert, bis auf die Entfernung, die nun bei mehreren tausend Kilometern lang, die uns trennten.

Mein Lichtblick gab es alle 2 Monate. In seinem Urlaub kam er für zehn Tage wieder nach Deutschland und wir konnten die paar gemeinsamen Tage einfach nur genießen. In dieser Zeit war es dann einfach nur schön sein Gesicht zu sehen, sein Lachen zu hören, das ich so vermisst hatte. Die Tage flogen nur so an uns vorbei und nach seinem viel zu kurzen Urlaub musste er dann schon wieder zurück, weit weg von mir.

Auch wenn ich es gern verdrängen wollte, wusste ich doch, dass bei ihm natürlich nicht immer alles gut laufen konnte. Es war ein gefährliches Gebiet, in dem er sich befand und es gab dort auch Menschen, die die Einsätze ausländischer Kräfte durchaus negativ sahen. Die Unruhen innerhalb der Bevölkerung waren dort immer wieder sehr deutlich zu spüren.

Unsere alltägliche Kommunikation fand allein durch den Zeitunterschied meist über Sprachnachrichten statt. So konnte jeder von uns dann antworten, wenn es gerade zeitlich passte und es war noch persönlicher als andere Nachrichten. Sein privates Handy trug er tagsüber nicht bei sich und so kam es, dass ich auch gefühlt mal tagelang überhaupt nichts von ihm hörte.

 

Doch eines Tages bekam ich wie aus heiterem Himmel eine Textnachricht von einer mir unbekannten ausländischen Nummer.

Mir geht es gut.

Sofort war mir klar, dass sie von ihm sein musste. Mir wurde schlagartig eiskalt. Wieder und wieder las ich diese vier Worte. Mir war sonnenklar, dass etwas nicht stimmen konnte, irgendetwas musste ihn dazu veranlasst haben. Einfach so aus dem Nichts würde er mir nicht schreiben. Es musste etwas Schreckliches sein, da war ich mir sicher.

Mein Puls schoss von Adrenalin und Angst getrieben durch meinen Körper. Ich wartete Stunde um Stunde, wagte es kaum, mein Handy aus der Hand zu legen. Immer in der Hoffnung, er würde sich wieder melden und mir sagen, was passiert war und dass er nicht mehr in Gefahr schwebte. Daran klammerte ich mich fest, auch wenn ich sonst nichts hatte.

Stundenlang, nein tagelang passierte nichts. Keine Textnachricht und kein Anruf.

Ich drohte fast den Verstand zu verlieren bei dem Warten auf ein Lebenszeichen. Erst nach 48 quälend langen Stunden bekam ich endlich die langersehnte Erlösung. Er konnte mir wieder eine Sprachnachricht über einen Messenger schicken, also war er in Sicherheit und das war wie Balsam für meine Seele.

Er erklärte, dass das Handynetz dort, wo er sich befand, ausgefallen war und er keine Möglichkeit gehabt hatte, sich früher bei mir zu melden. Gebannt lauschte ich seinen Worten, die er sehr mit Bedacht gewählt haben musste. Man hörte die Nachwirkungen seiner Erlebnisse in jedem Ton, den er von sich gab.

Es hatte einen Anschlag gegeben, aber es ginge ihm gut und sie seien evakuiert worden. In der deutschen Botschaft hatten sie nun Unterschlupf gefunden.

Natürlich konnte er mir nicht alles erzählen, was er in dieser Zeit erlebt hatte, aber allein, dass er am Leben war, erschien mir wie ein Wunder.

Die ganze Geschichte des Anschlages hat er mir erst ein halbes Jahr später erzählt, als er wieder zuhause war und wir beide bereit waren darüber zu sprechen.

Bis heute wollte ich ein paar Details jedoch überhaupt nicht hören. Die Furcht vor den Bildern, die seine Geschichten in mir auslösen würden, war für mich kaum zu überwinden. Alles, was ihm wichtig war, habe ich mir aber von ihm erzählen lassen.

Ich bin geübt im Ausblenden und so habe ich bis heute ersucht, mir so wenig Sorgen wie möglich um ihn zu machen. Sehr früh in meinem Leben habe ich mich mit dem Thema Tod und Verlust auseinandersetzen müssen und war immer darauf eingestellt, dass wir beide uns nicht mehr wieder sehen würden.

Jeder Abschied, wenn er zurück nach Kabul flog, war für mich ein Abschied für immer, auch wenn er jedes Mal sagte „ich komme wieder zu dir zurück!“.

Für mich persönlich war es der einzig richtige Weg, auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Alles andere hätte ich nicht ertragen können. Was mich überrascht hat, ist, dass die Medien sehr wenig von dem berichteten, was dort geschehen ist. Ich musste tatsächlich aktiv nach Informationen suchen, da in den öffentlichen Medien kaum darüber gesprochen wurde. Wer selbst keinen seiner Lieben dort hatte, wusste nicht, in welcher Gefahr sich die mutigen Männer und Frauen für ein friedlicheres Miteinander brachten. Geschweige denn, dass es nicht immer von Erfolg gekrönt war.

 

Die Zeit nach dem Einsatz war für meinen Freund sehr schwierig. Ich habe das eindringliche Gefühl, dass seine Erlebnisse ihn verändert haben. Dennoch kann ich manchmal nicht sagen, warum ich es so empfinde.

Die ersten Monate nach seiner endgültigen Rückkehr hat er ständig ein sogenanntes „Sicherungsverhalten“ gezeigt. Er stand bei jeder Gelegenheit mit dem Rücken dicht an der Wand, um alles im Blick behalten zu können und niemand sich hinter ihn bewegen konnte und ihm nichts entging. Dann beäugte er die Menschen in seiner Umgebung viel mehr als zuvor.

Aus Gewohnheit ging er auch nicht über Gras- oder Sandflächen, als würden dort Sprengfallen auf ihn warten. Die absolute Dunkelheit begann er zu meiden, da sie ihn verunsicherte, und zuckte bei Lichtreizen häufig zusammen.

Sein Verhalten versetzt mich in Unruhe, doch ich ließ ihm Zeit, hier in unserer westlichen Welt wieder anzukommen.

Mittlerweile ist er seit einem Jahr zurück und das seltsame Verhalten, das er mitgebracht hatte, hat sich wieder normalisiert. Es wurde im Laufe der Zeit immer weniger, bis ich es kaum mehr bemerkte, dann erklärte er mir in den Situationen, in denen er sich unwohl fühlte, was gerade in ihm los war.

Was mich am meisten traf, war, dass er die erste Zeit zusätzlich eine gewisse Härte und manchmal auch eine Distanz mir gegenüber zeigte, mit der ich nur schwer umgehen konnte. Es schmerzte mich, wenn ich sah, wie es an ihm nagte und ich keine Chance hatte, an ihn heranzukommen, um ihm beizustehen, oder es ihm abnehmen zu können.

Ich war unendlich dankbar, als auch das sich nach harten Wochen wieder gelegt hatte.

Seine Entscheidung, dass er regelmäßig ins Ausland möchte, nicht nur für einen entspannten Urlaub, und sich für die nächstmögliche Mission in Krisengebieten wieder bewerben wird, überrascht mich nicht. Sein Wunsch etwas zu bewegen ist zu groß, als dass seine Erlebnisse daran etwas geändert hätten.

Für mich ist das in Ordnung, ich möchte einfach, dass er glücklich ist und wenn ihn genau das glücklich macht, möchte ich dem nicht im Weg stehen, wie schwer auch immer es mir fallen mag.

 

 

Diese und weitere Geschichten von Polizeiangehörigen und Polizisten/innen findet ihr in dem Buch Blueline Familys, welches wir euch im vergangenen Jahr vorgestellt hatten. Die Veröffentlichung dieses Berichts erfolgt mit Zustimmung der Verlegerin Leonie L.J. Wallis.